Paris ist nicht genug. Die Zeit wird knapp.


«Die Natur verzeiht nicht, sie wartet keine Ausflüchte ab. Wenn es dem Patienten schlecht geht, müssen wir handeln, sonst stirbt der Kranke. An dem Punkt, an dem wir uns jetzt befinden, können wir nur noch die Symptome behandeln, wir können ihn nicht mehr heilen. Das hätten wir vor 30 Jahren tun müssen, was aber nicht geschehen ist. Wir stehen der größten Notlage gegenüber, die die Menschheit je vor sich hatte, aber keiner tut etwas, obwohl der Ernst der Lage eindeutig ist.»

Diese klaren Worte stammen von Luca Mercalli, Vorsitzendem der Italienischen Meteorologischen Gesellschaft und Wissenschaftsmittler, der für seine journalistischen Rubriken und Bücher bekannt ist (z.B. „Mein Gemüsegarten zwischen Himmel und Erde“). Wir treffen ihn, um über die ernste Lage zu sprechen, in der wir uns befinden.

Eins ist sicher, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Auch deshalb startet Slow Food mit Menu for Change die erste Kommunikationskampagne zur internationalen Spendensammlung, die den Zusammenhang zwischen Lebensmittelherstellung und Klimawandel deutlich macht. «Es gibt eindeutige Anzeichen des Klimawandels«, so Luca Mercalli weiter, «die allerdings bisher noch zu verschmerzen sind: die alpinen Gletscher sind im Laufe eines Jahrhunderts um die Hälfte geschrumpft, der Meeresspiegel ist im gleichen Zeitraum um 20 cm gestiegen, wir erleben beispiellose Hitzewellen in Europa, wie die 40 Grad in der Poebene. Jedes dieser Phänomene führt zu weiteren Veränderungen der Ökosysteme, wie zum Beispiel der Entstehung neuer Parasiten, die unsere Landwirtschaft bedrohen, oder der Vermehrung gewisser Insekten, die jetzt bessere Lebensbedingungen vorfinden. Einige von diesen, wie die Asiatische Tigermücke, übertragen Krankheiten an den Menschen. Naturereignisse wie Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen gab es schon immer, aber nicht in diesem Ausmaß und dieser Intensität. Die echte Gefahr besteht im drastischen Anstieg der Temperaturen, der besonders in den letzten 30 Jahren rasant zugenommen hat. Wir haben nur noch bis 2020 Zeit, etwas dagegen zu unternehmen.»

Früher als vom Pariser Klimaabkommen vorgesehen

«Ein Abkommen, das zu spät kommt und zu lax ist, mich hat es nie überzeugt. Darin sind wenige und begrenzte Maßnahmen für ein Problem vorgeschlagen, das in der Praxis unmittelbare und konkrete Handlungen erfordert. Aber wir wussten bereits bei der Unterzeichnung, dass es die erforderliche Eingrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad bis 2100 nicht leisten könnte. Da es ein freiwilliges Abkommen ist, haben alle Unterzeichnenden individuelle Lösungen vorgeschlagen. Rechnet man alle Lösungsvorschläge zusammen, kommt man auf eine Begrenzung des Temperaturanstiegs von 2,7 Grad.» Wie es allerdings so oft der Fall ist, werden die internationalen Vereinbarungen äußerst langsam ausgeführt, wenn überhaupt. «Als das Abkommen ratifiziert wurde – im April 2016 – hatte es noch keine Auswirkungen auf das Leben der Personen. Dabei hätte es durch Anreize für die Nutzung erneuerbarer Energien und gegen die Verwendung fossiler Energiequellen zu Entscheidungen führen sollen, die unser aller Leben betreffen.»

In dieses Szenario platzte Donald Trump, der dem Abkommen die Unterstützung aufkündigte.

«Er verschlimmerte die Situation durch eine schädliche Kommunikationskampagne auf weltweiter Ebene: zum schwerwiegenden politischen Fehltritt, das Abkommen nicht anzuerkennen, kam seine Botschaft, dass der Klimawandel eine Lüge sei. Damit kompromittiert er die Wissenschaft und die anderen Regierungen. Ich habe das Gefühl, dass wir uns immer mehr dem Punkt nähern, an dem es kein Zurück mehr gibt. Deshalb glaube ich momentan nicht daran, dass die Welt innerhalb von drei Jahren mit bedeutenden Entscheidungen und ohne Ausflüchte schnurstracks aufs Ziel zulaufen kann. Ich sehe, dass die europäischen Staaten, einschließlich dem Vatikan von Papst Franziskus, versuchen, die Flamme am Leben zu halten und die USA zu überzeugen, mit von der Partie zu bleiben. Aber das grundlegende Problem ist, dass wir einfach keine Zeit mehr haben. Es muss auf weltweiter Ebene gehandelt werden, die einzelnen Staaten dürfen nicht damit allein gelassen werden.»

Was bedeutet diese Entscheidung konkret für die Vereinigten Staaten?

«Die theoretisch angestrebte Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad bis 2100, und die 2,7 Grad, die mit dem Pariser Abkommen erreicht werden könnten, steigen nach Rückzug der USA auf 3 Grad an. Dazu kommen diverse wirtschaftliche Probleme. Wenn die USA das Pariser Abkommen und damit die Entscheidung boykottieren, die fossilen Energien entsprechend zu besteuern, führt das zu einer Destabilisierung der Weltwirtschaft: wenn ich Geschäfte machen will und eine umweltschädliche Fabrik habe, dann baue ich sie in den USA, wie es früher mit China der Fall war.» Wir wohnen der sechsten Welle von Massenaussterben der Erde bei, ohne etwas dagegen zu tun, ohne auch nur zu versuchen, unser Energie- und Produktionssystem umzustellen. Wir stellen uns taub und ignorieren die Tatsache, dass die Fläche mit erhöhter Dürregefahr bis 2070 von 19 auf 35% ansteigen wird, dass die Anzahl der Hungerleidenden innerhalb weniger Jahre um einige Millionen zunehmen wird, dass bis 2050 voraussichtlich die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Verwüstung und Versalzung betroffen sein wird, usw. Es ist schlimmer als auf der Titanic: wir tanzen nicht nur, wir machen sogar Witze wie „wenn die Temperaturen weiter steigen, sparen wir Heizkosten.” «Das ist einer der Gründe, warum wir meiner Meinung nach einen hohen Preis zahlen werden. Unser Gehirn ist viel zu klein, um das gigantische Ausmaß des Schadens zu erkennen, den wir anrichten. Wenn wir die Komplexität und Größe des Problems erkennen, wird es zu spät sein. Wir sind nicht bereit, uns Alternativen vorzustellen. Angesichts aller Informationen, die in den letzten 30 Jahren verfügbar wurden, sollte man Sätze dieser Art nicht mehr hören. Dazu kommt unsere Unfähigkeit, in die Zukunft zu schauen: wir sind im Hier und Jetzt gefangen. Man könnte ja denken, dass etwas wärmere Winter doch gar nicht so schlecht sind. Leider bedenken wir dabei nicht, dass es bei zu wenig Schnee im Winter im Sommer auch nicht genug Wasser gibt. Und das ist erst ein Vorgeschmack. Jetzt beschweren wir uns über 10 heiße Tage pro Jahr, wenn es erst einmal 3 Monate lang 50 Grad hat, gefährdet das unser Überleben. Die Poebene wird wie Pakistan sein, man wird sie nicht mehr bewirtschaften können. Und wir sprechen hier nicht über geologische Zeitspannen, sondern über die Jahre ab 2050. Wer heute 10 Jahre alt ist, wird diese Katastrophe voll und ganz ausbaden, also unsere Kinder und Enkelkinder.»

Es gibt jedoch auch positive Beispiele

«Die skandinavischen Länder und Deutschland sind die einzigen Länder, die über Bewusstsein für Umweltthemen und Modelle zur Sensibilisierung verfügen und sogar konkrete Antworten liefern, wenn auch natürlich keine Allheilmittel. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sehr engagiert. Die Länder im Norden fürchten, dass durch den Temperaturanstieg begünstigte Schädlinge ihre Wälder angreifen könnten, die eine wichtige wirtschaftliche Ressource für sie sind. Zu schnelle Veränderungen in der Natur haben immer ihren Preis, wenn sie nicht mitgetragen werden. Auf lange Sicht sind sie erträglich, aber auf kurze Sicht, wie ein Jahrhundert, bringen sie mehr Nachteile als Vorteile. In Italien wird die Umwelt als zweitrangiges Thema betrachtet: in der Politik ist sie nicht präsent. Das ist ein echtes Problem, denn in Folge fehlt es an konsequenten Aktionen. Es gibt viele gute kleine Initiativen, aber keine gemeinsame Vision. Für die italienische Politik hat die Wirtschaft Priorität, nicht die Umwelt: um die Banken der Region Venetien in einem über Nacht verabschiedeten Notfalldekret zu retten, wurde von den Italienern ein Opfer in Höhe von 5 Milliarden Euro gefordert. Fast alle haben unter dem Damoklesschwert des wirtschaftlichen Konkurses klein beigegeben. Es gibt ein Gesetz zum Schutz des landwirtschaftlichen Bodens, der zu Herstellung unserer Nahrungsmittel dient, das seit fünf Jahren im Parlament herumliegt. Was ist wichtiger, der Konkurs der Banken oder die Tatsache, dass wir keinen landwirtschaftlichen Boden mehr für unsere Kinder haben werden? Welches Dekret hätte man zuerst unterzeichnen sollen? Es ist eine kolossale Paradoxie, dass alles siegt, was mit der Wirtschaft zu tun hat. Alles wird toleriert, während die grundlegenden physischen Elemente, die uns das Leben auf diesem Planeten ermöglichen, als zweitrangig betrachtet werden. Vorherrschaft hat eine von den Finanzen und den angestammten Positionen dominierte Wirtschaft.»

Was können wir Bürger tun?

«Die Green Economy liefert uns viele Antworten. Aber vielleicht halten auch die Bürger das Problem für nicht so wichtig, weil sie sehen, dass die Politik es ignoriert. Man denke nur an die Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Mülltrennung in Italien. Man sucht jede Menge Alibis, dabei ist es etwas so Einfaches. Dann sind da die schwierigeren Initiativen, wie im Bereich der erneuerbaren Energien oder des Verkehrs. Man muss sich anstrengen, alles Mögliche zu tun, um Energie zu sparen und die Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Das haben die Schweizer kürzlich in einem Referendum entschieden, das den Energieplan bis 2050 festlegt. Er sieht die Reduzierung des Energieverbrauchs und damit den maßvollen Umgang mit Energie sowie die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen – Wasserkraft, Solarenergie – und den Ausstieg aus der Kernkraft vor. Zu guter Letzt, aber nicht weniger wichtig, die Lebensmittelherstellung. 20 bis 25% der weltweiten Emissionen stammen von den Sektoren Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung, ein bedeutender Anteil. Daher ist offensichtlich, dass unsere Ernährungsgewohnheiten Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt haben. Stellen wir unsere Essgewohnheiten auf einen geringeren Fleischverbrauch um, da Fleischherstellung einer der größten Verursacher von Treibhausgasen ist. Befolgen wir die Saisonalität der Lebensmittel und wählen wir Produkte, die möglichst aus unserer Nähe stammen.»

Gibt es eine Landwirtschaft, die gut für die Umwelt ist?

«Ja, natürlich, aber wir dürfen uns nichts vormachen, wir sind einfach zu weit gegangen. Die Landwirtschaft ist einer der Verursacher des Klimawandels und der damit verbundenen Umweltverschmutzung geworden (man denke auch an die synthetische Chemie für Pflanzenschutzmittel). Denn sie fungiert inzwischen als Maschine zu Diensten einer Welt, die ihre Belastbarkeit überschritten hat: um unseren aktuellen Lebensstil halten zu können, brauchen wir 1,5 Erden, d.h. wir verbrennen gerade das Naturkapital der künftigen Generationen. Eine nachhaltige Landwirtschaft existiert also, es gibt Modelle von Agroökologie, von Landwirtschaft, die auf Erhaltung ausgerichtet ist. Aber ich denke, dass wir leider mit den aktuell 7,5 Milliarden Menschen das Maß überzogen haben. Was passiert, wenn es gemäß jüngsten Schätzungen der UN 2050 wirklich 9,8 Milliarden Menschen sein werden? Ich bin der Meinung, dass es Orte und Situationen auf der Welt gibt, wo wir um jeden Preis eine Landwirtschaft für den lokalen Bedarf verteidigen müssen, die handwerklich geprägt und nachhaltig ist und bestmöglich den vorab genannten Werten entspricht. Aber ich hege Zweifel, ob diese Landwirtschaftsformen eine Riesenmetropole von 20 Millionen Einwohnern ernähren können.» Wir fügen noch hinzu, dass wir durch die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung entlang der Wertschöpfungskette und insbesondere beim Lebensmittelkonsum viel für die Umwelt tun können.

#MenuForChange #SlowFood #EatLocal


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