Zivilgesellschaft ruft die EU zum Exportstopp verbotener Pestizide auf

24 Nov 2020

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union genehmigen und exportieren weiterhin Pestizide mit Substanzen, die in der europäischen Landwirtschaft aufgrund ihrer schädlichen Wirkung auf die Umwelt und die menschliche Gesundheit verboten sind.

In Form von Lebensmittelexporten landen diese gefährlichen Substanzen jedoch später wieder auf europäischen Esstischen und verschärfen die Klimakrise. Jüngste Studien zeigen, dass im Jahr 2018 in Lebensmitteln auf dem europäischen Markt Rückstände von 74 in der EU verbotenen Pestiziden nachgewiesen wurden. Von diesen Pestiziden waren 22 im selben Jahr aus der EU exportiert worden. Angesichts dieser Belege unterzeichneten rund 60 Organisationen aus ganz Europa einen Brief an den Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Frans Timmermans, und riefen dazu auf, dieser Doppelmoral ein Ende zu bereiten.

Ein von den Organisationen Public Eye und Unearthed veröffentlichter Artikel  legte die Doppelstandards des EU-Pestizidverbots offen: „Unsere Untersuchung zeigt die heuchlerische Doppelmoral, die es den Agrochemiekonzernen erlaubt, Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen (LMICs) in großem Stil mit Substanzen zu beliefern, die in der EU-Landwirtschaft aufgrund ihrer Gefährlichkeit nicht mehr eingesetzt werden dürfen.”

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(c)

Die Studie zeigte, dass EU-Mitgliedsstaaten 2018 den Export von 41 in der EU verbotenen Pestiziden genehmigt hatten. „Die Gefahren für die Gesundheit und die Umwelt dieser Substanzen sind erschreckend: von akuter Lebensgefahr beim Einatmen über drohende Fortpflanzungs- und Hormonstörungen, Fehlbildungen oder Krebserkrankungen bis hin zur Verschmutzung von Trinkwasserquellen und zur Schädigung von Ökosystemen”, betonten Public Eye und Unearthed.

In Entwicklungsländern sterben gemäß Schätzungen der Vereinten Nationen jährlich über 200.000 Menschen an den Folgen von Pestizidvergiftungen – und zwar sowohl Arbeitskräfte in der Landwirtschaft als auch die allgemeine Bevölkerung. Der größte Akteur dieser ‘erbärmlichen’ Praxis – wie es UN-Sonderberichterstatter für gefährliche Substanzen, Baskut Tuncak, ausdrückte – ist Großbritannien, aber auch anderen EU-Länder, darunter Italien, Deutschland, Holland, Frankreich, Spanien und Belgien verschiffen weiterhin Pestizide, die als zu gefährlich für die europäische Landwirtschaft gelten, an Länder wie Brasilien, Südafrika und die Ukraine.

Doppelmoral untergräbt Green Deal der EU

Der Export hochgiftiger Chemikalien für die Nahrungsmittelproduktion in Länder mit niedrigem bis mittlerem Einkommen steht in drastischem Widerspruch zum Green Deal und den Zielen der Strategie „Vom Hof auf den Tisch“, um weltweit den Übergang zu nachhaltigen Lebensmittelsystemen zu fördern. Die Verwendung von gefährlichen Pestiziden kann nur gestoppt werden, wenn die EU eine echte Führungsrolle einnimmt und diesen Exporten ein Ende setzt.” Diese Doppelstandards betreffen auch die Europäer. Wie Public Eye erklärte, können „die verbotenen Pestizide über importierte Lebensmittel, die unter Einsatz der verbotenen Substanzen angebaut werden, ihren Weg auf die Esstische der europäischen Verbraucher finden.” Das läuft ganz und gar den Zielen der EU-Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ zuwider, dass „auch importierte Nahrungsmittel die einschlägigen EU-Vorschriften und Standards einhalten müssen.“

Bei der Eröffnungskonferenz von Terra Madre erklärte Larissa Bombardi, Professorin für Geographie an der Universität Sao Paulo, dass „Brasilien mit einem Anteil von 20% weltweit der größte Konsument von Pestiziden ist. […] Ich habe die Ausdehnung des Sojaanbaus vom Norden bis zum Süden Brasiliens katalogisiert, der inzwischen einen so genannten „Bogen der Entwaldung” in der Amazonasregion erzeugt hat. Dabei sind zwei Elemente eindeutig miteinander verbunden: die Entwaldung und der Einsatz von Pestiziden. Der Sojaanbau in Brasilien nimmt heute eine Fläche ein, die größer als die Deutschlands ist, und über 90% der Sojapflanzen sind genetisch verändert (GVO). Der Großteil der Sojaproduktion Brasiliens geht in die Europäische Union und nach China.” width=Bombardi betont, dass die Auswirkungen in der Cerrado, der brasilianischen Savanne, besonders zu spüren seien: Wasser- und Bodenverschmutzung sowie Verlust der Biodiversität. Diese Entwicklung bedroht die Amazonasregion, da immer mehr Land gerodet wird, häufig illegal. Einer aktuellen Studie zufolge wurden zwischen 2008 und 2018 gut zwei Millionen Tonnen Sojabohnen – davon 500.000 aus der Amazonasregion – unter Einsatz von Pestiziden auf illegal gerodetem Land angebaut und kamen als Tierfutter in EU-Viehzuchtbetrieben zum Einsatz, wodurch die verbotenen giftigen Substanzen ihren Weg auf die europäischen Esstische fanden.

Eine ähnliche Geschichte kann man auch in anderen lateinamerikanischen Ländern finden, wo Pestizidriesen von dem Aufstieg der GVO-Monokulturen profitieren, von denen die meisten als Tierfutter oder zur Herstellung von verarbeiteten Lebensmitteln in die EU exportiert werden. Diese Praktiken stehen in klarem Widerspruch zum Green Deal, zu den EU-Strategien „Vom Hof auf den Tisch” und „Biodiversität”, und untergraben die Ziele, die Abhängigkeit von der Agrochemie zu reduzieren, den Kohlenstoffausstoß zu verringern und die Biodiversität zu schützen.

Nachhaltigkeit als Schlüsselthema der Ernährungspolitik

In einem von Slow Food unterstützten Grundlagenpapier der Zivilgesellschaft über das globale Ausmaß der Strategie „Vom Hof auf den Tisch” geht es um die Frage, in welche Richtung die Strategie geht, die „nach wie vor von einem Ansatz angetrieben wird, der darauf abzielt, die europäische Agrarindustrie auf den globalen Märkten wettbewerbsfähig zu machen“, während ihre Absicht darin besteht, den Klima-Fußabdruck Europas zu verringern, gesunde Ernährung zugänglicher zu machen und die Lieferketten zu verkürzen.

Als Reaktion auf die Untersuchung von Public Eye und Unearthed schlug die Europäische Kommission eine neue Chemikalienstrategie für Nachhaltigkeit vor, um „weltweit Sicherheits- und Nachhaltigkeitsstandards zu fördern, mit gutem Beispiel voranzugehen und einen kohärenten Ansatz umzusetzen, damit in der EU verbotene gefährliche Stoffe nicht für den Export produziert werden.”

In dem gemeinsamen Brief weisen Slow Food und diverse andere Organisationen der Zivilgesellschaft den geschäftsführenden Vizepräsidenten Timmermanns darauf hin, dass „die EU eine globale Führungsrolle bei diesen Themen einnehmen muss und dabei helfen kann, internationalen Konsens zu schaffen, dass diese abscheulichen Praktiken, die zu Diskriminierung und Ausbeutung führen, enden müssen. Das könnte durch die Einrichtung eines neuen UN-Mechanismus zur Förderung eines weltweiten Ausstiegs aus hochgefährlichen Pestiziden in Zusammenarbeit mit FAO, WHO, UNEP und IAO erreicht werden.”

Ein Übergang zu umweltfreundlicher Landwirtschaft ist so dringend nötig wie nie zuvor. Die Verwendung von Pestiziden bedroht die Biodiversität, die die Grundlage unseres Ernährungssystems bildet und stellt eine ernsthafte Bedrohung für unsere Ernährung, unseren Lebensunterhalt, unsere Gesundheit und unsere Umwelt dar.

Zusätzlich zum gemeinsamen Brief hat sich Slow Food der Europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten” angeschlossen, um die Europäische Kommission aufzufordern, einen schrittweisen Ausstieg aus synthetischen Pestiziden bis 2035 zu erwirken, Maßnahmen zur Erholung der Biodiversität einzuleiten und Bäuerinnen und Bauern beim Übergang zu einer nachhaltigen Landwirtschaft zu unterstützen. Unterzeichnen Sie diese Initiative und helfen Sie uns, für die Wiederherstellung unserer Ökosysteme zu kämpfen, damit wir auch in Zukunft in der Lage sind, gute, saubere und faire Lebensmittel herzustellen!

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