Slow Fish New Orleans: Tor nach Amerika

03 Mai 2016

slow fishDavid Beriss, Mitglied von Slow Food New Orleans und Anthropologe an der Universität von New Orleans, nahm kürzlich an der Veranstaltung „Slow Fish 2016: Tor nach Amerika“ teil, die im März 2016 von seinem Ortsverband organisiert wurde. Er teilt hier seine Eindrücke mit uns.

Letzten Monat habe ich einen Artikel über die „Food-Bewegung“ geschrieben, von der ein Journalist der Washington Post behauptet hatte, sie würde gar nicht existieren. Ich kann nunmehr bestätigen, dass die Bewegung wirklich existiert. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen.

Vor einigen Wochen nahm ich an Slow Fish 2016 teil, einem von Slow Food New Orleans organisierten Event. Das ganze Drumherum entsprach dem einer Bewegung und fühlte sich wie ein revolutionäres Zusammentreffen von Aktivisten aus dem Lebensmittelbereich an. Slow Fish findet alle zwei Jahre statt, bisher immer im italienischen Genua. Dieses Jahr wurde das Event zum ersten Mal in Nordamerika ausgerichtet. Die Teilnehmer, darunter Fischer, Fischhändler, Transportunternehmen, Verarbeiter, Köche, Aktivisten, Wissenschaftler, Künstler, Filmmacher und Studenten reisten aus der ganzen Welt an, vorrangig aber aus den USA und Kanada, um über die Lage des weltweiten Fischbestands und der Fischereiwirtschaft zu diskutieren, sowie über die ökologischen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen, durch die Fisch für Millionen von Menschen zum Nahrungsmittel wird.

8802_10154009879523699_2155364193701966093_n-300x300Ich sehe mich selbst zwar als keinen Fischexperten an, wohne aber in New Orleans, wo Fisch und Meeresfrüchte eine wichtige Rolle in unserer kulinarischen Kultur spielen. Eins der Restaurants vor Ort wirbt mit dem Slogan „Freunde servieren Freunden keinen tiefgefrorenen Fisch.“ Lokaler Fisch und Meeresfrüchte haben hier eine große Anhängerschaft.

Natürlich weiß ich, dass die örtliche Fischereiwirtschaft seit langem in einer Krise steckt. Wettbewerb durch Importe, Streitereien über Umweltauflagen, Katastrophen wie die BP-Ölpest von 2010, Küstenerosion, und vieles mehr macht es den Fischern immer schwieriger, ihr Auskommen zu sichern. Wir geben es zwar nicht gern zu, aber selbst in New Orleans gibt es Restaurants und Lebensmittelgeschäfte, die hauptsächlich importierte Meeresfrüchte verkaufen.

Diese Widersprüche sind wahrscheinlich gute Gründe, Slow Fish genau hier abzuhalten. Dennoch muss man aufpassen, sich nicht auf die Themen von lokalem Interesse zu beschränken. Denn die Probleme, mit denen wir hier konfrontiert sind, bestehen genauso andernorts. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf besuchte ich die Veranstaltung von Slow Food in der Hoffnung, dort eine übergreifende Perspektive auf die globalen Themen zu finden.

Der Slogan über Freunde und tiefgefrorenen Fisch könnte vielleicht etwas angepasst werden. Das Restaurant sollte den Mehrwert von lokalem Fisch hervorheben. Ich war also ziemlich überrascht, als die Delegierten von Slow Fish sich für den Verzehr von Fisch – oft auch tiefgefrorenem – von weit her aussprachen. Das war Teil einer Diskussion über das Konzept der „Wertschöpfungskette“, um den Fokus auf den gesamten Fang- und Vertriebsprozess von Fisch zu lenken. Da ich meinen Fisch von einem befreundeten Fischer auf dem Bauern-Markt von New Orleans kaufe, kann ich relativ sicher sein, dass Herkunft und Qualität meinen Ansprüchen genügen.  Ich kann auch davon ausgehen, dass der Großteil der Einnahmen bei der Fischerfamilie bleibt, von der ich kaufe. Diese Beziehung ist eine Wertschöpfungskette, wenn auch eine ziemlich kurze, die Vertrauen einflößt. Denn alle Teilnehmer – die Fischerfamilie, die Organisatoren des Marktes und natürlich ich selbst – sind Menschen, denen ich vertraue. Aber die Wertschöpfungsketten können natürlich länger sein, mit Verarbeitern, Lieferanten und Händlern zwischen Fischern und Kunden. Die Kette funktioniert jedoch nur, solange die Informationen und Beziehungen echte Menschen betreffen. Das Konzept der Wertschöpfungskette legt nahe, weniger auf die vermeintliche Effizienz des anonymen Marktes zu vertrauen, als vielmehr auf Fisch und Meeresfrüchte, die von Menschen kommen, denen wir vertrauen. Bei denen wir sicher sein können, dass die Prinzipien von Slow Food über gute, saubere und faire Nahrungsmittel eingehalten werden. Dieser Fokus auf die Beziehung zwischen den Menschen, und weniger auf das Produkt, erscheint mir als Anthropologe sehr sinnvoll.

SlowFishNeben einem Umdenken des Vetriebsprozesses brachte mich Slow Fish auch dazu, meine Vorstellungen über die Herkunft von Fisch, also das Meer an sich, zu überdenken. Ich war lange davon ausgegangen, dass die Weltmeere ein offenes Hoheitsgebiet seien, wo die Fischer mehr oder weniger nach Belieben auf Fischfang gehen könnten, eingeschränkt hauptsächlich durch die Hoheitsansprüche der Regierungen und die Umweltauflagen, um den Fischereisektor zu schützen. Es stellt sich jedoch heraus, dass einige dieser Auflagen zu einer Art Privatisierung der Meere geführt haben, durch die eine Reihe von Großunternehmen und Regierungsorganisationen es geschafft hat, die Reglementierung und Kontrolle über die Fischereiwirtschaft umzugestalten. Einige der hitzigsten Diskussionen bei Slow Fish nahmen die Programme zu „Fangquoten“ ins Visier. Auch wenn es unterschiedliche Ausgestaltungen zu geben scheint, ist das Hauptmerkmal dieser Programme, dass die Gesamtquote (zulässige Gesamtfangmenge, die wissenschaftlich festgesetzt wird) für die verschiedenen Fischarten in Prozentsätze unterteilt und an einzelne Fischer, Boote oder Organisationen vergeben wird (ein anderer Begriff dafür sind die „individuellen Fangquoten“). Fangquoten werden damit zu privaten Gütern, die Fischer an die Meistbietenden verkaufen oder an andere Fischer verpachten können, und sich zeitweilig oder dauerhaft aus der Fischerei zurückziehen.

Umweltschutzorganisationen, wie der Environmental Defense Fund (Umweltverteidigungsfonds) und der amerikanische Naturschutzbund, sprechen sich für Programme zu Fangquoten aus, ebenso wie Befürworter von Lösungen für soziale Belange nach Modellen des freien Marktes, die darin eine Möglichkeit sehen, Markteffizienz auf Umweltprobleme anzuwenden. Unter den Fischern bei Slow Fish gab es jedoch heftigen Widerstand gegen die Fangquoten. Die Kritiker hoben hervor, dass Fangquoten zu einer erheblichen Verringerung der Anzahl von Personen führen würden, die ihren Lebensunterhalt durch die Fischerei bestreiten können. Sie vertraten die Meinung, dass dieses marktorientierte Modell zu einer Kontrolle des Meers seitens der Großunternehmen führe. In manchen Fischereibetrieben wurden Fangquoten von Betreibern von Fischereiflotten oder Konzernen aufgekauft. In einigen dieser Fälle müssen die Fischer ihre Quote für bis zu 80% des angelandeten Werts ihrer Fischereierzeugnisse pachten. In anderen Fällen werden sie von den Großunternehmen angeheuert, um deren Quoten zu fischen, wodurch eine Art „Leibeigenschaft“ entsteht. In jüngster Zeit gab es diverse Skandale um die Besitzer großer Fangquoten. Die Verdrängung lokaler Fischer, die Verwandlung von kleinständischen Fischern in Fischerei-Pächter oder Hilfskräfte auf den Booten der Großunternehmen, sowie die eingeschlafenen Bemühungen, Beifang zu vermeiden (Fischarten, die zufällig mitgefischt werden, und die oftmals verenden, bevor sie ins Meer zurückgeworfen werden können), gehörten zu den zahlreichen kritischen Fragen, die in Zusammenhang mit den Programmen zu Fangquoten aufgeworfen wurden.

Natürlich standen bei Slow Fish auch viele andere Themen auf der Tagesordnung, auf die ich hier nicht eingehen kann, darunter: Fischzucht; Aquaponik; Fischereiausrüstung und diesbezügliche Vorschriften; Konflikte mit Sportfischern; Bemühungen, so genannte minderwertige Fische aufzuwerten; Geschichten von Fischerfamilien; Fischverarbeitung; Fischereipolitik; etc.

Genauer betrachtet ging es bei der Veranstaltung eigentlich nicht wirklich um Fisch. Es ging darum, die Beziehungen zwischen Lebensmittel-Produzenten und Konsumenten menschlicher zu gestalten, um ein System infrage zu stellen, das sonst von anonymen Märkten und Großunternehmen dominiert wird. Und um es klarzustellen: genau das macht eine Food-Bewegung aus.

Dieser Artikel ist eine bearbeitete Version des Originals von David, das erstmalig erschien unter Food Anthropology.

 

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