Kein Ersatz für Honig

21 Mai 2021

Verfälschung mit anderen Süßstoffen und Fehlernährung der Bienen bedrohen die Zukunft dieses Nahrungsmittels – ebenso wie die Bienen, die Honig erzeugen und all die anderen Pflanzen, die sie bestäuben.

Waren in den 90er Jahren noch der Panda und der Tiger die Symbole für Arten- und Umweltschutz, so ist das Emblem der zeitgenössischen Umweltschutzbewegung sicherlich die Biene.

Das hat ganz egoistische Gründe: die Bedeutung der Bienen als Bestäuber im globalen Nutzpflanzenanbau ist bestens bekannt, außerdem produzieren sie ein Nahrungsmittel, das Jahrtausende lang eine wichtige Zuckerquelle für Kulturen und Gemeinschaften auf der ganzen Welt war, vielleicht sogar schon bevor Landwirtschaft betrieben wurde: Honig.

 width=

Doch gibt es zwei große Problemfelder bei der Honigerzeugung, die eine ernsthafte Bedrohung für das Überleben der Spezies der Honigbienen darstellen, von denen Dutzende bereits vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet  sind.[1]  Darüber hinaus gibt es natürlich zahlreiche weitere Problematiken, in Verbindung mit dem Einsatz von Pestiziden[2], dem Verlust ihrer Habitate durch den Klimawandel und menschliche  Tätigkeiten, sowie den Auswirkungen des Bienenrückgangs auf die Biodiversität der Flora, aber heute wollen wir uns auf zwei direkte Eingriffe der Honigindustrie konzentrieren, die sowohl einen Betrug für die Verbraucher als auch eine Gefahr für die Bienen darstellen.

Das erste Problem ist die Verfälschung von Honig mit anderen Süßstoffen.

Es handelt sich dabei um ein Problem, das auf der ganzen Welt bekannt ist, besonders in Ländern wie China, die in industriellem Stil Honig produzieren. Einer der Gründe, warum dieses Problems so weit verbreitet ist, besteht darin, dass eine Verfälschung von je her schwer aufzudecken ist und die Hersteller deshalb ihren Honig oft mit billigeren Ersatzstoffen wie Maissirup, Reissirup oder Palmzucker verdünnten, um ihren Profit zu steigern. Die Chemikalien in diesen Ersatzstoffen ähneln denen sehr, die man auch im echten Honig findet: Was ist also das Problem und warum investiert man in raffinierte Technologien, wie Kernspintomographie (Nuclear Magnetic Resonance , NMR)[3], die diese Verunreinigungen aufdecken können?

In erster Linie ist das natürlich eine Frage der Transparenz: Wenn wir das Produkt Honig kaufen, haben wir natürlich gewisse Erwartungen. Durch den Kauf zeigen wir unser Vertrauen in die Hersteller und ihre Behauptungen.  Honig ist wesentlich teurer als seine Ersatzprodukte, und das hat gute Gründe. Wir fühlen uns also zu Recht betrogen, wenn wir Geld für Honig statt für billigeren Maissirup ausgeben, nur um dann zu erfahren, dass wir unwissentlich doch Maissirup konsumieren.

In zweiter Linie fehlt es den Ersatzstoffen nicht nur an den gesundheitlichen Nutzen des echten Honigs, einige von ihnen sind sogar giftig. Reissirup hat einen höheren Arsengehalt, als es für Trinkwasser zulässig ist[4], während die Fruktose im Maissirup nicht von unserem Körper in Energie umgewandelt werden kann: sie muss in der Leber als Fett oder Glykogen gespeichert werden.[5]

 width=

Neben der reinen Gier der Honigindustrie und der Missachtung der ökologischen und gesundheitlichen Folgen durch die Verfälschung gibt es noch ein weiteres Problem, das die Vielfalt betrifft: Einer der wunderbaren Aspekte des Honigs liegt in seiner Verwandlung und Auslegung von Blüten. Selbst dem raffiniertesten Käsekenner fällt es schwer, die Ernährung von Tieren aus Weidehaltung anhand des Aromas ihrer Milch zu erkennen, aber jeder kann den Unterschied zwischen einem sortenreinen Honig und einem anderen sehen, riechen und schmecken. Die Verfälschung von Honig mit billigeren Ersatzstoffen ist ein weiterer Schritt zur Geschmacksvereinheitlichung und einer immer größer werdenden Entfernung von den Ursprüngen unserer Nahrungsmittel.

Das zweite Problem ist… die Verfälschung von Honig mit anderen Süßstoffen.

Moment mal, war das nicht das erste Problem? Richtig, aber diesmal geht es nicht um Honig, den wir essen, sondern um Honig, von dem sich die Bienen selbst nähren. Ganz richtig: Übereifrige Imker, die versuchen, so viel Profit wie möglich aus jeder einzelnen Biene herauszuholen, stehlen nicht nur untragbare Mengen an Honig aus den Bienenstöcken, sie geben den Bienen auch die gleichen Ersatzstoffe wie Maissirup zu fressen, die in Studien mit massenhaftem Bienensterben (Colony Collapse Disorder, CCD) in Verbindung gebracht wurden.[6]

Während die möglichen Ursachen für das massenhafte Bienensterben vielfältiger Natur sind und das Phänomen nach wie vor wenig erforscht ist, ist die Fehlernährung der Bienen neben Pestiziden und Viren einer der Hauptverdächtigen. Wenn man bedenkt, dass Honig die natürliche Nahrung von Bienen ist, liegt es nahe, dass eine Verarmung der Ernährung durch den Ersatz von Honig durch Mais- oder Reissirup ihr Immunsystem beeinträchtigen kann[7], ebenso wie eine nährstoffarme Ernährung das menschliche Immunsystem schwächt. So können die indirekten Folgen einer Fehlernährung eine erhöhte Anfälligkeit für Parasiten wie Nosema ceranae bedingen, was die Toxizität von Pestiziden wie Neonicotinoiden für Bienen weiter erhöht[8]. Wenn wir die Felder mit Pestiziden einsprühen, die Bienen vorsätzlich einer Fehlernährung aussetzen und so ihr Immunsystem schwächen, ist es nicht verwunderlich, dass ihr Bestand auf der ganzen Welt so stark zurückgeht.

Es steht außer Frage, dass sich etwas ändern muss, wenn wir vermeiden wollen, dass unsere Enkelkinder Honig nur aus wehmütigen und nostalgischen Erzählungen kennen. Was können wir also tun? Es gibt drei wichtige Maßnahmen, die Slow Food empfiehlt:

  1. Kaufen Sie keinen Honig von großen Konzernen, der wenig oder keine Informationen über die Bienen und die von ihnen bestäubten Blumen bietet  — denn da ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es sich um verfälschten Honig oder um Honig von Herstellern handelt, die durch ihre Praktiken den Bienenpopulationen schaden. Kaufen Sie wenn möglich Honig von lokalen Imkern, die kleine Mengen an Honig produzieren und gerne über ihre Bienenzuchtmethoden erzählen! Fragen Sie in örtlichen Geschäften, ob es lokalen Honig mit Bio-Zertifikat gibt. Und falls nicht, fragen Sie ruhig, warum denn nicht? Wenn in Ihrer Nähe kein solcher Honig verfügbar ist… dann kaufen Sie lieber gar keinen, als durch Ihren Kauf Großkonzerne zu unterstützen, die mit ihren Praktiken unserer Gesundheit, unserem Planeten und unserer Zukunft schaden.
  2. Sprechen Sie mit Ihren Bekannten über diese Themen und informieren Sie andere! Es reicht nicht, wenn wir als Einzelpersonen keinen industriellen Honig mehr kaufen — um wirklich etwas zu ändern, brauchen wir eine Massenbewegung. Auch wenn wir unseren Freunden und unserer Familie ja nichts „predigen“ wollen, so ist es doch ein wichtiger politischer Akt, den wir alle unternehmen können und der nichts kostet. Denn sie sind Giganten, aber wir sind viele!
  3. Schreiben Sie an Ihre Lokalpolitiker: Wir können nicht darauf zählen, dass sie über alles gut informiert sind und wir haben auch keine Garantie, dass sie genug Interesse daran haben, etwas zu tun, aber nochmals: Wenn man nichts tut, ändert sich mit 100% Gewissheit nichts. Politisches Engagement kostet Mühe, aber immer wieder haben Organisationen wie Slow Food gezeigt, dass die Zivilgesellschaft in der Lage ist, die Gesellschaft durch kollektives politisches Handeln nachhaltig zu verändern. Der Wandel beginnt an der Basis!

Slow Food unterstützt die Europäische Bürgerinitiative Bienen und Bauern retten. Wenn Sie ein EU-Bürger sind und die Petition noch nicht unterzeichnet haben, können Sie das jetzt noch tun!

 width=

Bienen – Wichtigste Zahlen und Fakten[9]

  • Drei von vier Nutzpflanzen auf der Welt, die Früchte oder Samen für den menschlichen Gebrauch produzieren, sind zumindest teilweise von Bestäubern abhängig.
  • Die Verbesserung der Dichte und Artenvielfalt von Bestäubern steigert die Ernteerträge – Bestäuber sind für 35 Prozent der globalen landwirtschaftlichen Nutzfläche relevant und unterstützen die Produktion von 87 der weltweit führenden Nahrungspflanzen.
  • Bestäuber sind bedroht – nachhaltige Landwirtschaft kann das Risiko für Bestäuber reduzieren, indem sie zur Diversifizierung der Agrarlandschaft beiträgt und ökologische Prozesse für die Nahrungsmittelherstellung nutzt.
  • Der Schutz der Bienen ist auch der Schutz der Biodiversität: Die überwiegende Mehrheit der Bestäuber sind Wildtiere, darunter über 20.000 Bienenarten.

Referenzen

[1] Siehe bspw. die Europäische Rote Liste von Bienen, die von der Europäischen Kommission herausgegeben wurde. Die Datenlage zu vom Aussterben bedrohten Bienenspezies in anderen Ländern ist großteils unzureichend, aber in mehreren Studien wurde ein Rückgang der Bienenbevölkerung auf globaler Ebene festgestellt, darunter auch in dieser Studie, die im Februar 2020 in Science veröffentlicht wurde.

[2] Laut Guardian haben sich die Auswirkungen von Pestiziden auf Bienen im letzten Jahrzehnt verdoppelt, wie jüngste Forschungen zeigen.

[3] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0260877414001228

[4] https://www.mdpi.com/2304-8158/9/11/1538/pdf – S. 11.

[5] ebd., S. 10.

[6] https://cordis.europa.eu/article/id/89968-untangling-the-causes-of-colony-collapse-disorder

[7] Der Zusammenhang zwischen Fehlernährung von Bienen und einer Schwächung des Immunsystems wurde 2014 von Forschern der University of Illinois Bee Research Facility untersucht.

[8] Wie in dieser Studie von Forschern der University of Montana 2010 beschrieben.

[9] Aus der FAO-Broschüre, „Why Bees Matter

Mit Lebensmitteln die Welt verändern

Erfahren Sie mit unserem RegenerAction-Toolkit, wie Sie Ökosysteme, Communities und Ihre eigene Gesundheit verbessern können.

Bitte aktiviere JavaScript in deinem Browser, um dieses Formular fertigzustellen.
Name
Privacy Policy
Newsletter