Indigene Völker und ihr Engagement in der Debatte um den Wandel

24 Aug 2020

„Es ist für uns eine große Ehre, dass unsere Arbeit und unser Netzwerk von der Organisation Food Tank anerkannt wird. Danke an die Erzeuger, Köche, Aktivisten, Forscher und alle Mitglieder dieses weltweiten Netzwerks. Wir werden uns auch in Zukunft dem Schutz der Ernährungskultur und der Biodiversität der indigenen Völker widmen und uns für gute, saubere und faire Lebensmittel für alle einsetzen”, so Dai Kitabayashi, Mitglied des Verwaltungsrats von ITM (Ostasien).

Wir von Slow Food International sind ganz seiner Meinung und feiern die bemerkenswerte Arbeit, die das Indigenous Terra Madre (ITM)-Netzwerk in den letzten Jahren geleistet hat, um die Traditionen der indigenen Völker zu erhalten und ihr Recht auf Land, Wasser, Saatgut und Ernährungssouveränität zu verteidigen.

„Diese Anerkennung ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern des ITM-Verwaltungsrats, Slow Food International und natürlich den indigenen Gemeinschaften unseres Netzwerks. Es ist eine Anerkennung für alle indigenen Völker, die ihr Land und Saatgut verteidigen und für ihr Recht auf gute, saubere und faire Lebensmittel kämpfen”, erklärt Dalí Nolasco Cruz, ITM -Verwaltungsratmitglied  (Lateinamerika und Karibik).

 width=Seit seiner Gründung was es Ziel des ITM-Netzwerks, den indigenen Völkern bei der Debatte um Nahrung und Kultur Gehör zu verschaffen, sowie ihre Teilnahme an der Slow-Food-Bewegung und ihren Projekten zu institutionalisieren. Darüber hinaus sollten sowohl regionale als auch globale Netzwerke entwickelt werden. Die Mitglieder setzten sich auf der ganzen Welt dafür ein, Bewusstsein für die Herausforderungen zu schaffen, die indigene Gemeinschaften meistern müssen, wenn sie ein starkes Netzwerk zur Bekämpfung der historisch gewachsenen Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen ihnen gegenüber aufbauen. Aber auch die Herausforderung, sich zu treffen, Wissen auszutauschen, die Einmaligkeit dieser Kulturen zu feiern und junge Menschen zu inspirieren.

„Es ist wichtig, unsere gesegnete Bevölkerung und unser kulinarisches Erbe zu schützen. Wir möchten die Menschen dafür sensibilisieren, welch wichtige Rolle die Ernährung heutzutage für unsere Gesundheit spielt. Dazu sind wir auch eine Partnerschaft mit der Organisation Food Tank eingegangen und haben auf Veranstaltungen gesprochen, wie dem Food Tank Summit, dem Treffen The Wisdom of Indigenous Foodways (Die Weisheit indigener Ernährungsmodelle), sowie u.a. über Indigene Saatgut-Souveränität”, so Denisa Livingston (Turtle Island – USA), Ratsmitglied von Slow Food International für das Indigene Netzwerk des Globalen Nordens.

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Kenya – Image credit @rootsofafrika.co

Verschiedene Bündnispartner, wie der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung IFAD, der Christensen Fund, und Tamalpais standen dem Netzwerk von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite. Diese Anerkennung wirft heute ein gutes Licht auf die Bedeutung der Arbeit und die Zukunft der indigenen Völker. Deshalb befragten wir die Mitglieder des Verwaltungsrats von ITM, was denn die nächsten Schritte, Initiativen und Projekte für das Netzwerk seien. Hier ihre Antworten:

Was sind die nächsten Schritte für das Netzwerk? Worauf arbeitet ihr jetzt hin?

Dalí: Wir haben einen Aktionsplan mit klaren Zielen auf globaler und lokaler Ebene, und wir arbeiten mit aktiver Beteiligung junger Führungskräfte, die unser Generationenwechsel sind und der Schlüssel zur Weitergabe unserer Weltanschauung und unseres Wissens. Wir werden auch weiterhin Mitglieder schulen, Bündnisse mit nationalen und internationalen Organisationen aufbauen, um die Arbeit der lokalen Gemeinschaften vor Ort zu unterstützen und wir möchten neue Gemeinschaften in unser Netzwerk und unsere Bewegung aufnehmen.

Melissa: Unsere traditionellen Handelswege wieder aufleben lassen, um über Land, Wasser und verschiedene Regionen unsere indigenen Lebensmittel auszutauschen. Unsere nachhaltigen Volkswirtschaften durch gegenseitigen Handel und gegenseitige Unterstützung wieder beleben. Die traditionellen Methoden zur Konservierung von Lebensmitteln wieder aufnehmen, um sie aufzubewahren und über die Generationen weiterzugeben. Wege finden, um unsere gesegneten Lebensmittel, die durch Gentechnik und andere negative Auswirkungen bedroht sind, rechtlich besser zu schützen. Melissa K. Nelson, ITM-Verwaltungsratmitglied (Turtle Island)

Dai: In dieser Pandemie ist die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln eins der wichtigsten Themen. Unsere jüngeren Generationen haben sich von der Natur und von der Erde entfernt und wissen nicht mehr, wie sie Lebensmittel anbauen und auf unsere traditionelle Art und Weise zu Gerichten verarbeiten können. Deshalb legen wir jetzt den Fokus auf die Ernährungsbildung für unsere Jugendlichen. Die Weitergabe unserer Weisheit und unseres Wissens hat für uns höchste Priorität.

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Image credit Paula Thomas

Vor welchen Herausforderungen stehen die indigenen Völker heutzutage?

 Joel: Die Gesetze, die ihnen die Regierungen auferlegen. Einige dieser Gesetze widersprechen ihrem Verhältnis zu ihrem Land und ihren natürlichen Ressourcen. In vielen Fällen werden sie im Namen der Entwicklung und des Fortschritts verdrängt. Joel Symo, ITM -Verwaltungsratmitglied (Melanesien)

Melissa: Ich unterschreibe das, was Joel gesagt hat und füge noch weitere wichtige Herausforderungen hinzu, die den amerikanischen Ureinwohnern auf Turtle Island bevorstehen: 1) Zugang zu den Nahrungsmitteln der Vorfahren, die auf Privatgrundstücken oder in geschützten Gebieten und Parks eingeschlossen sind, so dass sie bei traditionellen Zusammenkünften nicht mehr zur Verfügung stehen; 2) Gentechnik von Lebensmitteln;  3) Kommerzialisierung und Vermarktung bestimmter einheimischer Nahrungsmittel ohne freie, vorherige und informierte Zustimmung der indigenen Völker, die die Hüter dieser Nahrungsmittel sind; 3) Ökologische Ungleichgewichte, Klimawandel und neue Krankheiten, die sich negativ auf die Gesundheit und die Vielfalt unserer traditionellen Nahrungsmittel auswirken; 4) Zugang zu traditionellen Wissenshütern, die Kenntnisse darüber haben, wie man bestimmte traditionelle Lebensmittel anbaut, erntet, verarbeitet und verzehrt; und dieses Wissen weitergeben können.

Denisa: Viele unserer indigenen Völker sind sehr verletzlich und gehören aufgrund bestehender gesundheitlicher Probleme wie Herzerkrankungen und Diabetes zu Risikogruppen. Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, die Ernährungsunsicherheit zu bekämpfen, den Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln und sauberem Trinkwasser zu verbessern und unsere althergebrachten Ernährungspraktiken und -traditionen wiederherzustellen, insbesondere im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie. Wenn wir diesen Themen keine Priorität einräumen, könnten die Ergebnisse verheerend sein.

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Taiwan -Image credit Zhan Boren

Warum ist die Arbeit mit indigenen Völkern heute so wichtig?

Melissa: Um historische Gerechtigkeit zu erzielen und auf eine Aussöhnung zwischen Kolonisten und Ureinwohnern hinzuarbeiten. Der Kolonialismus brachte für die indigenen Völker viele Traumata und brutale Auswirkungen mit sich. Es ist an der Zeit, von diesen gewaltsamen Hinterlassenschaften zu genesen und die Beziehungen ausgewogener und respektvoller zu gestalten, damit die indigenen Völker ihre Souveränität auf echte und sinnvolle Weise ausüben können. Darüber hinaus sind indigene Völker die einzigen, die über Jahrtausende hinweg ein nachhaltiges Leben vorführten, so dass Siedlergesellschaften von dem traditionellen ökologischen Wissen der indigenen Völker profitieren und von diesem lernen können, um eine gerechtere, widerstandsfähigere Zukunft zu schaffen.

Anneli: Der Klimawandel gibt die Anforderungen für einen zukünftigen Aktionsplan und einen Dialog über Anpassungsmöglichkeiten vor. Die indigenen Völker der Welt haben den Klimawandel nicht verursacht, aber wir sind am stärksten betroffen. Im Falle von unserem Sami-Volk betrifft der Klimawandel einzelne Rentierhalter, und die Existenz der samischen Rentierzucht in Zukunft ist bedroht. Deshalb sind jetzt dringende Maßnahmen erforderlich. Anneli Jonsson, Verwaltungsratmitglied von ITM (Europa)

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Sami peoples – Slow Food Archives

Wie könnten wir beginnen, ein gerechteres und inklusiveres Lebensmittelsystem für alle zu schaffen?

Dai: Es ist wichtig, dass der Welt bewusst wird, wie sehr indigene Völker der Massenproduktion, dem Massenkonsum und der Wegwerfgesellschaft zum Opfer fallen – und zwar nicht nur in unserer modernen Gesellschaft, sondern auch historisch gesehen.

Denisa: Es ist notwendig, weiterhin das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig indigene Ernährungssouveränität, örtliche indigene Lebensmittelgeschäfte und Lokale, sowie junge und auch alte indigene Führungspersönlichkeiten sind. Sie alle spielen eine wichtige Rolle für unser Überleben, unsere Resilienz und unsere Anpassungsfähigkeit. Wir können die COVID-19-Zeit nicht einfach nur erleiden, wir müssen daran wachsen.

Vielen Dank an die Mitglieder des Verwaltungsrats von ITM für ihre Worte und ihren unermüdlichen Einsatz für unser Netzwerk. width=

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