Im Gespräch mit Hilal Elver, der UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung

21 Aug 2018

 width=Im Juni 2014 nahm Hilal Elver ihr Amt als derzeitige UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung auf. Das Recht auf angemessene Nahrung ist ein bereichsübergreifendes Thema, das ökologische, wirtschaftliche und soziale Herausforderungen beinhaltet und auch Themen wie Migration und Gleichstellungsfragen einschließt. So stoßen Frauen im Zusammenhang mit Ernährungssicherheit auf erhebliche Hindernisse. Frauen einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Land und Technologie zu ermöglichen, ist ein zentraler Faktor zur Bewältigung von Hunger und Armut. Um allen Menschen das Recht auf Nahrung zu garantieren und Ungerechtigkeiten in Folge des Klimawandels zu bewältigen, ist eine inklusive Herangehensweise an Nahrungsmittelpolitik, die die Menschenrechte von besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsschichten in den Vordergrund stellt, unerlässlich.

 

  1. Sie haben Ihr Mandat als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung 2014 aufgenommen.Was bedeutet die Forderung eines Rechts auf Nahrung in Zusammenhang mit der Garantierung von Ernährungssicherheit und angemessener Ernährung weltweit? Kann so eine Sichtweise eine Veränderung der Herstellung, der Verteilung und des Konsums von Lebensmitteln herbeiführen?

Wenn man im Umgang mit den Themen der Ernährungssicherheit und Ernährung auch das Recht auf Nahrung einschließt, eröffnet das den Bürgern als Inhabern von Rechten verschiedene Möglichkeiten. Sie können sich an Prozessen zur Entscheidungsfindung beteiligen, Rechenschaft einfordern und Kontrolle ausüben.  Das sorgt für Gerechtigkeit und Transparenz. Das Recht auf Nahrung eröffnet den Menschen einen rechtlichen Anspruch, wenn das Menschenrecht auf Nahrung verletzt wird. Der menschenrechtsbasierte Ansatz kann zwar nicht die Art und Weise ändern, wie Lebensmittel hergestellt, verteilt oder konsumiert werden, er gibt den Menschen aber das Recht, an den Prozessen zur Entscheidungsfindung mitzuwirken und Fehlverhalten von Behörden anzuprangern, wenn das Ernährungssystem den Menschen keinen gleichberechtigten und diskriminationsfreien Zugang zu gesunder und angemessener Nahrung bietet.

 

  1. Da Frauen für einen Großteil der Herstellung und Weiterverarbeitung von Nahrungsmitteln verantwortlich sind, spielen sie eine wichtige Rolle dabei, nach und nach auf der ganzen Welt das Recht auf Nahrung durchzusetzen. Welchen Beitrag können Frauen im Zusammenhang mit diesem menschenrechtsbasierten Ansatz leiten, um einen Paradigmenwechsel im derzeitigen Ernährungssystem herbeizuführen?

Frauen nehmen in unseren Ernährungssystemen eine besondere Rolle ein. Sie sind nicht nur Herstellerinnen und Konsumentinnen von Nahrungsmitteln, sondern kümmern sich im familiären Umfeld auch unbezahlt um die Beschaffung und die Pflege von Nahrung. In zunehmendem Maße fungieren sie auch als Bäuerinnen und Landwirtinnen. Nach heutigem Stand sind je nach Region 60 bis 70% aller Landwirte Frauen und stellen 43 % der Arbeitskraft auf den Bauernhöfen. Dennoch haben Frauen nur an wenigen Orten der Welt einen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut, Krediten und Technologie.  Wenn Frauen den gleichen Zugang zu Produktionsressourcen hätten wie Männer, könnten die landwirtschaftlichen Erträge der Bauernhöfe um 20 bis 30 % gesteigert werden und sie könnten 100.000 bis 150.000 Menschen helfen, die an Hunger leiden. Das geht aus Berichten der FAO hervor.Die Garantierung der Gleichberechtigung von Frauen im allgemeinen – dazu zählt auch, die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft und den Ernährungssystemen anzuerkennen und ihnen einen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen einzuräumen -, ist ein wirksames Mittel, um auf lokaler und nationaler Ebene Hunger und Mangelernährung zu bekämpfen und eine inklusive wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Diese Ergebnisse sind von nicht zu unterschätzender Bedeutung und könnten mit relativ geringen Investitionen und einem kleinen politischen Kurswechsel erreicht werden.

 

  1. Klimawandel, sozio-ökonomische Ungleichheiten, Kriege und Konflikte, sowie ein Mangel an Sozialleistungen in ländlichen Gebieten stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Ernährungssicherheit, den Zugang zu Ressourcen und die Lebensgrundlage von Millionen Menschen auf der ganzen Welt dar. Die Menschen sind gezwungen, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen lange Wege zurückzulegen oder sogar ihre Länder zu verlassen. Wenn die Migranten dann in einem neuen Land ankommen, werden ihre Rechte wieder verletzt: Denken wir nur an das Recht auf Nahrung, auf Gesundheit oder auf einen sicheren Arbeitsplatz zu einem angemessenen Lohn.  Dieses strukturelle Phänomen muss in seiner ganzen Komplexität erfasst werden. Welches Rezept sehen Sie für ein gesundes politisches Umfeld – sowohl national als auch international -, das auf Beachtung der Menschenrechte beruht und der Migration und ihren Grundursachen Rechnung trägt?

Der menschenrechtsbasierte Ansatz bietet auf nationaler und internationaler Ebene verschiedene rechtliche Instrumente, um benachteiligte Bevölkerungsgruppen, darunter auch Migranten,zu schützen.Die Achtung und Durchsetzung der Menschenrechte, und zwar nicht nur der bürgerlichen  und politischen Rechte, sondern auch der wirtschaftlichen und sozialen Rechte, können Migranten und Flüchtlinge in Gastländern schützen. Um die Migrationskrise in den Griff zu bekommen, muss die internationale Gemeinschaft Politiken auf den Weg bringen, die bei den Grundursachen der Migration ansetzen. Migration tritt auf, wenn Menschen in ihren Heimatländern nicht glücklich sind, wenn keine angemessenen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen bestehen, um ihren Lebensunterhalt  zu bestreiten oder Umwelt- und Klimakatastrophen diesen zerstören.  Darüber hinaus schränken Konflikte und das Fehlen von gesetzlichen Regeln ihren Zugang zu Nahrung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung ein und erschweren es ihnen, angemessene Arbeitsbedingungen zu finden. Wenn ein Land sich in einer akuten Notlage befindet, kommt internationale Unterstützung zum Einsatz. In diesen Fällen liegt  zwar die Hauptverantwortung nach wie vor bei der Regierung des jeweiligen Landes, aber auch die internationale Gemeinschaft ist verpflichtet, einem Land zu helfen, das von Naturkatastrophen und/oder Kriegen betroffen und nicht fähig oder willens ist, seinen Bürgern solche Dienste bereitzustellen. Langfristige wirtschaftliche Probleme könnten im Rahmen von internationaler Zusammenarbeit unter den Mitgliedern der internationalen Gemeinschaft gelöst werden, wie zahlreiche internationale Rechtsdokumente bekräftigen, angefangen bei der Charta der Vereinten Nationen, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, sowie zwei Konventionen, des Paktes über bürgerliche und politische Rechte und des Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. Kürzlich wurde das Engagement der internationalen Gemeinschaft für weltweite Partnerschaft auch in den  17 UN-Nachhaltigkeitszielen festgehalten. Das sind wichtige rechtliche und politische Vorgaben, die man sehr ernst nehmen muss, wenn es wirklich den politischen Willen gibt, die Migrationskrise zu bewältigen, die die Menschenrechte tiefgreifend und willkürlich verletzt.

 

  1. Das Mittelmeer ist ein Sammelbecken der Vielfalt von Arten, Kulturen und Rezepten, für viele Menschen gleichzeitig ein Ort der Hoffnung und der Verzweiflung. Was könnte Ihrer Meinung nach ein neues Entwicklungsmodell für den Mittelmeerraum sein, das Menschenrechte, Zusammenarbeit und Schutz der biokulturellen Vielfalt als Motoren nachhaltiger Wirtschaften und neuer Gastfreundschaftsformen umfasst?

Der Mittelmeerraum war schon immer und ist nach wie vor eine sehr wichtige Region. Mare Nostrumverbindet Menschen, Kulturen und die jeweilige Umwelt, sowie die biologische Vielfalt von drei Kontinenten und verschiedensten Zivilisationen. Die Gegend war bereits in der Vergangenheit ein Schmelztiegel, und ist es auch heute noch. Diese Vielfalt des Mittelmeerraums könnte für die Menschen ein Quell der Hoffnung statt der Verzweiflung werden, wenn Menschen und Länder zusammenarbeiten würden. Wenn wir berücksichtigen, dass uns die kulturellen, religiösen und ethnischen Unterschiede nicht trennen, sondern wir davon profitieren. Wenn uns wirtschaftliche Zusammenarbeit hilft,  autark und nachhaltig zu leben, statt nationale Interessen in den Vordergrund zu rücken und Teil der räuberischen Globalisierung zu sein. Wenn wir uns bewusst machen, dass einige Ländergrenzen nach Kriegen von den jeweiligen Gewinnern aus geopolitischen Überlegungen so gezogen wurden, ohne menschliche und ökologische Faktoren zu berücksichtigen, kann diese Region ihren Zauber auch für die nächsten Generationen erhalten. Wir sind verantwortlich dafür, den Mittelmeerraum zu schützen, indem wir unsere Einstellung verändern, über das Undenkbare nachdenken und aus der Utopie Realität machen.

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