Ein partizipatives Garantiesystem für die indigenen Presidi von Slow Food

28 Okt 2020

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Image Credit Citlaly Simon & Carolina Santos Segundo

Der Zertifizierungsprozess ist ein Teilbereich der landwirtschaftlichen Praxis, der wenig mit Landwirtschaft und viel mit Bürokratie zu tun hat. Dennoch spielt er eine wichtige Rolle für die Produktion und den Verkauf von Lebensmitteln, wenn man Wert auf ein zertifiziertes Produkt legt.

Systeme zur Zertifizierung durch Dritte werden von der Internationalen Normungsorganisation (ISO) eingerichtet und bestehen in der Regel aus einzuhaltenden Normen, deren Umsetzung von externen technischen Akteuren (z.B. Kontrolleure) unter Verwendung allgemeiner Garantieformen, die weltweit zum Einsatz kommen, kontrolliert wird. Die Bio-Zertifizierung ist eine davon.

Neben der Zertifizierung durch Dritte und der Selbstzertifizierung gibt es alternativ auch einen dritten Weg: „Partizipative Garantiesysteme” (PGS).

Partizipative Garantiesysteme (PGS) sind kostengünstige lokale Systeme zur Qualitätssicherung von Produkten oder Wertschöpfungsketten. Grundlagen dafür sind technisches Know-How, Inklusion und kollektive Verantwortung. Der Hauptunterschied zur Zertifizierung durch Dritte ist, dass bei den PGS auch andere Interessenvertreter als die Produzenten und Kontrolleure in den Zertifizierungsprozess eingebunden sind und sie auf Grundwerte wie Vertrauen, soziale Netzwerke und Wissensaustausch aufbauen.

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Die Interessenvertreter wählen dabei die Mitglieder der Leitorgane und die zu prüfenden Indikatoren nach den allgemeinen PGS-Richtlinien aus.

Auch wenn PGS in erster Linie als Alternative zur Zertifizierung von Bioprodukten durch Dritte entstanden sind, gelten sie aufgrund ihrer Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an einen breiteren Kontext auch aus anderen Gesichtspunkten als vielversprechendes Instrument zur Bewertung der Nachhaltigkeit im Landwirtschaftsbereich.

Was bedeutet es, Produkte der Slow Food Presidi partizipativ zu zertifizieren?

Im Rahmen des Projekts „Empowermernt der indigenen Jugend und ihrer Gemeinschaften zur Verteidigung und Förderung ihres kulinarischen Erbes” wurde ein PGS-Projekt initiiert, um die Rückverfolgbarkeit und den Grad der Qualitätskontrolle nach den Slow-Food-Kriterien (organoleptisch gute Produkte, saubere Produktion und Fairnessstandards) von zwei Produkten der indigenen Presidi zu erhöhen: der Ogiek-Honig und die Mixteca-Agave von Oaxaca. Gleichzeitig begann eben dieser Zertifizierungsprozess auch bei einem italienischen Presidio, der roten Bohne aus Lucca.

Es war Slow Food und den Führungspersönlichkeiten der indigenen Völker wichtig, ein von der Basis ausgehendes System anzuwenden, um zu garantieren, dass die Produkte gut, sauber und fair sind, und dabei den Einsatz der Slow-Food-Zentrale aufs Nötigste zu beschränken. Eine Initiative von der Basis aus, die den jeweiligen Gebieten fast völlige Unabhängigkeit ermöglichen sollte, die im Laufe der Zeit Bestand haben könnte und dem System Slow Food und insbesondere dem Presidi-Projekt auf internationaler Ebene Glaubwürdigkeit und Wert verleihen sollte.

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Jedes Produkt des Presidi-Projekts muss die Richtlinien für die entsprechende Produktionskette und ein speziell für das jeweilige Produkt erstellte Produktionsprotokoll befolgen. In dieser Hinsicht hat ein Presidio also bereits eine Reihe von Regeln zu befolgen, die denen der Zertifizierung durch Dritte ganz ähnlich sind – allerdings unterscheiden sich die Sanktionen bei Nichteinhaltung erheblich. Eine PGS-Initiative kann Slow Food dabei helfen zu garantieren, dass die Einhaltung der Richtlinien, des Produktionsprotokolls und der Entscheidungen über Sanktionen direkt von den betroffenen Gebieten und der entsprechenden Slow Food Community überwacht werden, und nicht von der Slow-Food-Zentrale (außer in wenigen Sonderfällen).

Das Presidio Ogiek-Honig

Die Ogiek sind ein indigenes Volk, das in und um den Mau-Wald auf der südwestlichen Seite des kenianischen Rift Valley und in den Wäldern rund um Mount Elgon an der Nord-West-Grenze Kenias zu Uganda lebt. Das gesamte Glaubenssystem und die Subsistenz der Ogiek dreht sich um den Wald und seine Ressourcen. Honig ist dabei das Produkt, das für die Ogiek-Familien die Hauptnahrungsquelle darstellt.

„Ohne Honig sind wir keine Ogiek”, Clare Rono, Mitglied des Presidios Ogiek-Honig

 width=Eine der zahlreichen Herausforderungen, vor denen das Volk der Ogiek steht, um seinen Lebensunterhalt aus den Wäldern seiner Vorfahren zu beziehen, ist die Abholzung, gefolgt von der Wiederaufforstung mit exotischen, nicht blühenden Arten. Die Abholzung stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Futtersuche der Bienen und damit für die Honigproduktion dar. 2012 hat sich eine Gruppe von Ogiek-Honigerzeugern zusammengetan und eine gemeinschaftsbasierte Organisation zur Vermarktung des Honigs der Erzeuger namens MACODEV gegründet. 2015 wurde das Presidio Ogiek-Honig gegründet, um das Ökosystem des Mau-Walds zu schützen, die Werte der von Generation zu Generation überlieferten Ogiek-Kultur und ihr Wahrzeichen zu fördern: den Honig.

Inzwischen sind auch junge Menschen bei der Extraktion und Erzeugung von Honig und im Slow Food Presidio aktiv, und auch in der Organisation vor Ort und den Entscheidungsprozessen nehmen junge Leute jetzt Führungsrollen ein.

Das Presidio Mixteca-Agave von Oaxaca

Das Volk der Mixteca ist die viertgrößte indigene Bevölkerungsgruppe in Mexiko. Seit Menschengedenken leben sie in der Region Mixteca im Südwesten des Landes, die sich über die Staaten Guerrero, Oaxaca und Puebla erstreckt. Die Migration von jungen Leuten in die städtischen Räume stellt das Überleben der Kultur und Traditionen des Mixteca-Volkes auf eine harte Probe.

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“Pertenecer a una comunidad originaria no significa que seamos probres, a veces [en] las comunidades tenemos muchas riqueza pero lo que falta es el saber aprovecharlo y pues el estar en este baluarte como el maguey de la mixteca oaxaqueña implica trabajo conoscimiento y el echarle ganas”(Das wir zu einer nativen Gemeinschaft gehören heißt nicht, dass wir arm sind – manchmal gibt es in einer Gemeinschaft großen Reichtum – aber wir wissen oft nicht, wie man das Beste aus diesen Ressourcen herausholt. Teil des Presidios der Mixteca-Agave von Oaxaca zu sein, heißt hart zu arbeiten und Wissen aufzubauen.“) Micaela García Reyes, Mitglied des Presidios der Mixteca-Agave von Oaxaca

Für das Volk der Mixteca aus Oaxaca ist die Maguey (so der spanische Name der Agave) Teil eines jahrtausendealten Anbausystems.  width=Sowohl die Agave als auch ihre Nebenprodukte sind Grundpfeiler der Subsistenz der Mixteca und ihres traditionellen Glaubenssystems. Am Ende des Lebenszyklus einer ausgewachsenen Pflanze wird aus ihrem zentralen Teil eine Flüssigkeit namens Aguamiel (Honigwasser) extrahiert, die dann zu Pulque fermentiert wird, einem leicht alkholischen Getränk, das zu Hause und bei traditionellen Anlässen konsumiert wird.

Der Rückgang des Konsums von Pulque aufgrund des zunehmenden Imports von neuen industriell gefertigten Getränken wie Bier führte dazu, dass die Bauern den Agavesorten, aus denen Pulque gewonnen wird, keine Beachtung mehr schenken. Eine Gruppe von Frauen hat sich zusammengeschlossen, um den Anbau dieser Sorten wieder aufzunehmen. 35 von ihnen gründeten im Jahr 2016 eine Arbeitsgruppe namens Mujeres Milenarias . 2018 schufen diese Frauen das Slow Food Presidio der Mixteca-Agave von Oaxaca, um Teil einer internationalen Bewegung zu werden und einheimische Sorten der Mixteca-Pulquero-Agave von Oaxaca zur Herstellung vonAaguamiel und Pulque zu fördern.

Einrichtung von PGS mit den beiden Presidi

Die Ziele bei der Etablierung der PGS waren: den Erzeugern aufgrund des Wertzuwachses der Presidi-Produkte ein höheres Einkommen zu garantieren; den kulturellen und ökologischen Wert dieser Produkte sowohl in ihrem Herstellungsgebiet als auch international anzuerkennen; das beste Verfahren zum Anbau, zur Produktion und zur Ernte zu verwenden.

Die Aktivitäten wurden von August bis Dezember 2019 umgesetzt. Einer der ersten Schritte war es, mit dem Team von Slow Food und externen Experten Workshops zum Aufbau von Kapazitäten über die Funktionsweise der PGS-Initiativen in der Theorie durchzuführen, bei denen Stärken und Schwächen diskutiert wurden. Ein weiterer Schritt war es, die Interessengruppen für die jeweiligen Presidi aufzuzeigen. Anschließend erfolgte die Auswahl der beiden zentralen Leitorgane der PGS, nämlich des Ethikausschusses, der die Arbeiten hauptsächlich koordiniert, und der Garantiegruppe, die aktiv an den Besuchen vor Ort teilnimmt und die Checklisten ausfüllt (Garantiebögen).

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Die erste Tätigkeit in der Praxis war die Erstellung von Checklisten für jedes Presidio und empirische Tests direkt vor Ort. Die Erfahrung war bei jedem Presidio anders, insbesondere was die Besuche vor Ort anbelangt, da die Betriebe sich in puncto Größe und Mitgliederanzahl erheblich unterscheiden.

Zum Abschuss wurde das Feedback ausgewertet und die wichtigsten Herausforderungen eines solchen Systems diskutiert.

Was sind die Stärken und Herausforderungen eines PGS?

„Seit Einführung des PGS gab es viele Veränderungen. Wir sind uns Dingen bewusst geworden, die wir vorher nicht berücksichtigt hatten.” Martin Lele Kiptiony, Koordinator des Presidios Ogiek-Honig

Insgesamt war der Ansatz von Slow Food für das PGS nach Meinung der Erzeuger und der anderen Beteiligten angemessen und trug dazu bei, die gesetzten Ziele zu erreichen. Das PGS hat sich als wertvolle Ergänzung der Presidi-Projekte bewiesen und fördert:

  1. Soziale Nachhaltigkeit durch: vollständige Kontrolle und Verantwortung für die Qualität des Produktionsprozesses und des Endprodukts; bessere Attraktivität für junge Leute, die über Managementfähigkeiten verfügen und die Vorlieben der Verbraucher besser verstehen können.
  2. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit durch: höhere Erträge und Einkommen dank garantierter und besserer Produktqualität und folglich erweitertem Vermarktungspotential aller Produkte.
  3. Ökologische Nachhaltigkeit durch: nachhaltiges Management der natürlichen Ressourcen im Produktionsprozess bei gleichzeitiger Sicherstellung, dass alle Mitglieder umweltfreundliche Verfahren anwenden.

 “El Spg es importante y en que nos basamos para obtener buenos productos y estar seguros que el producto que se está ofreciendo a los consumidores sea de calidad y buscar que no sea algo industrializado y que sea más natural”(Das PGS ist wichtig, da wir damit sicherstellen können, dass unsere Produkte eine gute Qualität haben und sicher für die Verbraucher sind, sowie dass es sich um natürliche und keine industriellen Produkte handelt.”) Micaela García Reyes, Mitglied des Presidios der Mixteca-Agave von Oaxaca

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Gestärkter Zusammenhalt und Förderung der Teilnehmer, erhöhte Transparenz und technische Qualität von Produktion und Marketing, höhere Renditen aus Verkäufen und Ausbau des Vermarktungspotentials durch stärkeres Vertrauen der Konsumenten – das sind die wichtigsten Pluspunkte bei erfolgreicher Etablierung eines PGS, was erwiesenermaßen in perfektem Einklang zu den Grundprinzipien des Presidi-Projekts steht.

Der Ausbruch von COVID-19 stellte eine enorme Herausforderung dar. Er machte es unmöglich, die abschließenden Feedbacks zu sammeln, verhinderte alle sozialen Zusammenkünfte und schränkte die Mobilität ein, wodurch die Vermarktung der Endprodukte erheblich erschwert wurde. Trotz alledem wurde auch deutlich, dass das Konzept von Solidarität, das die PGS auszeichnet, die lokalen Lebensmittelnetzwerke in Situation wie der COVID-19-Pandemie stärkt, da die Mitglieder sich daran gewöhnen, einander zu vertrauen und zusammenzuarbeiten, damit das PGS funktioniert.

Die wirtschaftlichen Kosten des Systems an sich (z.B. für den Transport bei den Besuchen vor Ort) sind noch festzulegen, in erster Linie aus oben genannten Gründen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Struktur eines jeden Slow Food Presidios ganz automatisch Zusammenarbeit und reziprokes Lernen anregt. Außerdem macht das PGS in der Praxis sichtbar, dass der Beitrag aller Mitglieder und jedes einzelnen eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Gruppe als Ganzes ist.

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