Das europäische Nahrungsmittelsystem ist defekt: Eine gemeinsame Lebensmittelpolitik kann es reparieren

05 Mai 2016

collage_slow_europeWenn man beim europäischen Ernährungssystem auf die Zahlen schaut, erkennt man eine kritische Situation: Die Zahl der Agrarbetriebe geht weiter zurück, die Konzentration der Branche nimmt zu und die Lebensmittelverschwendung ist weiterhin erschreckend hoch. Ipes-Food geht von hier aus, um die Vision einer Gemeinsamen Nahrungsmittelpolitik in der EU zu entwickeln…

Das europäische Nahrungsmittelsystem befindet sich eindeutig in einer Krise. Zwischen 2003 und 2013 schloss jeder vierte Landwirtschaftsbetrieb in der Europäischen Union, das entspricht über vier Millionen Betrieben. Die Konzentration der Anbaubetriebe verzeichnete einen rasanten Anstieg von 38%, wobei die durchschnittliche Größe von 11,7 Hektar im Jahr 2003 auf 16,1 Hektar im Jahr 2013 zunahm. Die Arbeitskräfte in den Betrieben wurden dagegen um 30% reduziert, während nur 20% der Landwirte von rund 70% der Direktzahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik profitieren. Der Grad an Lebensmittelverschwendung hat schwindelerregende Höhen erreicht, aktuell werden in der EU jedes Jahr 100 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. Und der Landwirtschaftssektor rutscht in eine immer gravierendere Krise. Diese Liste könnte man beliebig fortführen.

Auslöser dafür sind großteils verschiedene Politikbereiche, die meist nicht aufeinander abgestimmt werden: Landwirtschaft, Ernährungssicherheit und Gesundheitswesen, Handel, Umweltschutz, Klima und Energie, wirtschaftlicher und sozialer Zusammenhalt, ländliche und internationale Entwicklung, Beschäftigung und Bildung… Was das Ganze noch verschlimmert, ist die Tatsache, dass auch die politischen Maßnahmen auf verschiedenen Regierungsebenen (von EU- bis kommunaler Ebene) isoliert voneinander auftreten.

Unser aktuelles politisches System und seine Rahmenbedingungen sind nicht dazu geeignet, der Krise angemessen zu begegnen. Lebensmittelpolitik ist ein Nebenprodukt politischer Kompromisse, die in verschiedenen Foren aufgrund widerstreitender Interessen ausgehandelt werden. Das Fehlen einer kohärenten und interdisziplinären Lebensmittelpolitik, die verschiedene Regierungsebenen einschließt, führt zu einem extrem geringen Zusammenhalt und der Tendenz, die Verantwortung auf andere abzuschieben.

Dieses Defizit stellt nicht nur ein Problem dar, sondern beinhaltet auch eine Chance. Der Agrar- und Lebensmittelbereich ist ein Ansatzpunkt für eine branchen- und ebenenübergreifende Politikgestaltung. Weiterhin kann er einen Ansatzpunkt bieten, um demokratische Mängel zu beheben und europäische Bürger durch die politischen Maßnahmen ihrer gewählten Vertreter wieder miteinander in Verbindung zu bringen.

Der Internationale Fachausschuss für Nachhaltige Nahrungsmittelsysteme, IPES, unter Vorsitz des ehemaligen UN-Sonderbeauftragten für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, sowie der Ernährungswissenschaftlerin und ehemaligen UNICEF-Vertreterin für Kenia, Olivia Yambi, schlägt einen dreigleisigen Ansatz aus Entscheidungsprozessen, Forschung und bürgerschaftlichem Engagement vor, um einen Leitfaden für eine „Gemeinsame EU-Nahrungsmittelpolitik“ zu entwickeln. Von 2016-2018 wird IPES eine Gruppe von Akteuren aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Institutionen einberufen, die sich bei Diskussionsrunden oder Politik-Think-Tanks zu diesen Themen austauschen. Aus der Initiative soll eine Reihe von Kurzdossiers hervorgehen, die dann zu einem Abschlussbericht zusammengefasst werden. Ziel der Zusammenarbeit ist es, eine Vision für eine Gemeinsame Nahrungsmittelpolitik zu entwickeln, die zielgerichtet Empfehlungen für politische Maßnahmen und Regierungsreformen bietet und so eine praktikable Alternative zu den aktuellen Rahmenbedingungen der EU schafft.

Slow Food wird IPES als Partner bei diesem Prozess unterstützen, ebenso wie der Ausschuss für Nachhaltige Ernährungssysteme (SFSG) des Europäischen Parlaments, Arc2020, der UNESCO-Lehrstuhl für Welternährungssysteme (Montpellier SupAgro), das Europäische Umweltbüro (EEB) und die Europäische Allianz für öffentliche Gesundheit (EPHA).

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