Ein Interview mit Soledad Barruti

21 Feb 2018

Soledad Barruti ist eine argentinische Journalistin und Schriftstellerin. In ihrem Heimatland veröffentlichte sie die Anklageschrift „Malcomidos: Cómo la industria alimentaria argentina nos está matando“. Zusammen mit Carlo Petrini nahm sie im Januar in Chile am Congreso Futuro teil, einem der wichtigsten Treffen in Lateinamerika über die Herausforderungen der Menschheit.

In einem Gespräch hat sie uns Fragen beantwortet.

Wie siehst du das heutige Lebensmittelsystem? Welche Probleme und Widersprüche hat es?

Das Lebensmittelsystem ist ein genauer Spiegel der schlimmsten Aspekte unserer Zeit. Zu allererst gründet es auf Ignoranz. Kein Verbraucher würde bewusst Lebensmittel kaufen, die zum Preis von Folter, Verachtung, Vergiftung und Zerstörung produziert wurden, die Menschen, Tiere, Pflanzen und ganze Ökosysteme schädigen. Und dennoch ist dies heute Realität, auf allen Ebenen. Wenn die Supermärkte gute Geschäfte machen und immer voller Kunden sind, wenn die Marken noch ein Gefühl von Glaubwürdigkeit kommunizieren, dann nur, weil die Aufschreie zum Schweigen gebracht werden, weil man die Bilder des Grauens suchen muss: Niemand ist sich wirklich bewusst, wie sehr unsere Ernährung – und die unserer Kinder – in diesem System uns allen schadet, und Informationen sind Luxus. Wir gucken lieber Werbung an, die uns keinen Augenblick Ruhe lässt und uns am Ende taub und blind macht.

Zweitens wird das Lebensmittelsystem mit Hilfe der Angst aufrecht erhalten. Angst wovor? Vor Maximen ohne jedes wissenschaftliche Fundament und ohne jede Strenge, die alle wiederholen. Zum Beispiel: „Wenn wir aufhören würden, mit diesem System zu produzieren, würden Millionen Menschen Hungers sterben“, „Die einzige Lösung ist, die Produktion zu steigern, da gibt es keine Alternative…”. Viele sagen: „Es ist die einzige Art, die Welt zu ernähren“ – als ob es denn funktionieren würde. Als ob es nicht noch 850 Millionen Hunger leidende Menschen auf dieser Erde gäbe, als ob nicht ein Drittel der produzierten Lebensmittel im Müll landeten, als ob nicht ein selbstmörderischer Pakt aus Ausbeutung der Ressourcen, Auslöschung der biologischen Vielfalt und Unterdrückung der menschlichen Kulturen dazugehöre. Ich antworte darauf: Wenn es wirklich keine andere Art gibt, die Welt zu ernähren, wenn wir davon wirklich überzeugt sind, dann machen wir das Licht aus und lassen es sein. Denn wenn ein kreatives Wesen wie der Mensch es nicht schafft, etwas besseres hinzukriegen als die Erde auszupressen, um dann vor den Supermarktregalen voller Trashfood zu stehen, dann lohnt es sich nicht.

Wie ist die Situation speziell in Lateinamerika?

In Mittel- und Südamerika sind die schlimmsten Phänomene der Umbau der Agrarlandschaft und die Überlassung des Geschmacks an die Industrie der ultra-verarbeiteten Lebensmittel. Die multinationalen Konzerne sehen in dieser Region ein Paradies der wirtschaftlichen Möglichkeiten: fruchtbares Land, wo sie Monokulturen anbauen können, billige Arbeitskraft, Verbraucher, die mit Fortschrittsversprechen und Formeln umgarnt werden, die Abhängigkeit schaffen. Erfolg auf der ganzen Linie! Mit der Ankunft der Verkaufsstellen industrieller Getränke und ihrem breiten Sortiment hören ganze Gemeinschaften auf, Wasser zu trinken oder traditionelle Getränke zuzubereiten. Neuartige kommerzielle Geschäfte nehmen den Platz der traditionellen Lebensmittelorte ein, und in Kürze werden wir auch die hochwertigen Rohstoffe verschwinden sehen, ersetzt durch industrielle Surrogate wie GVO-Mais, der den echten Mais verdrängt. Das ist eine Tragödie, oder mehr noch, eine öffentliche Katastrophe. Und das Schlimmste ist, dass diese Katastrophe keine Grenzen kennt, genau wie die Welt des Business. Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten: Wir waren nie weniger gesund als heute. Und am schlimmsten ist es gerade dort, wo die wahren Lebensmittel besser zugänglich sein müssten, wie in den indigenen Gemeinschaften. Dies alles geschieht, wie man leicht versteht, mit Einwilligung der Regierungen, die in den großen Marken nur die Chance für wirtschaftliche Entwicklung sehen oder strategische Partner, die bereit sind, die Expansion einer bestimmten Politik zu unterstützen.

Eine Koexistenz ist schwierig, sogar unmöglich, denn die Agrarindustrie verfügt über die brutale Macht, um jeden Widerstand zu unterdrücken: Sie verschlingt die kleinen Gemüsegärten, vertreibt die Bauern, zwingt die Erzeuger zur Aufgabe, reduziert die Natur auf ihre ärmsten Ausdrucksformen. Bisher können wir weiter stolz eine Vielfalt an Lebensmitteln vorweisen, die eine Reise durch unser Land zu einer unvergesslichen gastronomischen Erfahrung macht, aber dieser Reichtum geht verloren. Und so wird es weitergehen, wenn wir nicht bald eine Möglichkeit finden, dieses System zu bremsen.

Glaubst du, dass wir etwas für einen Wandel tun können? Und wenn ja, was? Wo müssen wir beginnen?

An manchen Tagen sehe ich schwarz, an anderen habe ich Hoffnung. Vor allem wenn ich die Zähigkeit, Entschlossenheit und den Mut der Indigenen und Bauern in diesem Land sehe. Frauen und Männer, die es nicht hinnehmen, auf ihren Platz in der Welt zu verzichten, die entschlossen sind, das zu tun, was sie können und lieben, nämlich die Erde zu verteidigen. Sie haben außerordentliche Ziele erreicht und sich dabei furchtbaren Gefahren ausgesetzt, denn in dieser Gegend bedeutet die Verteidigung der Erde eine Gefahr für das eigene Leben. Dennoch gibt es mehr Menschen, die standhalten, als Menschen, die aufgeben. Und das zwingt auch uns, die wir mit blankem Schwert ihre Sache unterstützen, Hoffnung zu behalten.

Der erste Schritt zu einem Wandel liegt glaube ich darin, den Menschen korrektere Informationen zu geben. Man muss den Verbrauchern zeigen, dass sich hinter der verlockende Fassade der Verpackungen, hinter den Entwicklungsversprechen und den großen Plänen der Agrarindustrie nur Gewalt und Elend für alle verbergen. Man muss klar machen, dass zu viel auf dem Spiel steht: unsere Gesundheit, die Natur, die Schönheit, Empathie, Genuss und Geschmack. Denn eine Alternative gibt es nicht nur, sie ist schon unter uns. Wir leben in der geografischen Region, aus der aus einige der wichtigsten Lebensmittel für die Menschheit sich in aller Welt ausgebreitet haben: Mais, Kakao, Tomaten. Dies war möglich, weil hier ein außerordentliches Wissen entwickelt wurde, und dieses Wissen besitzen wir noch.

Man muss die Menschen, die tatsächlich Lebensmittel zu erzeugen verstehen, wieder zu Wort kommen zu lassen. Man muss ihnen die Chance geben, uns zu erklären und zu erzählen, was sie machen. Man muss ihren Kontakt mit der Erde bewahren. Wir Stadtbürger müssen zu Ko-Produzenten werden. Wir müssen einen fairen Preis bezahlen und diese Produkte so wertschätzen, wie sie es verdienen.

Welche Rolle haben in diesem Rahmen Bewegungen wie Slow Food?

Ich glaube, dass Slow Food eine Sichtbarkeit für Bauern, indigene Völker, Fischer, Sammler, Saatguthüter, Frauen in den ländlichen Gebieten geschaffen hat, und das ist schon sehr viel. Denn es könnte eine hedonistische Bewegung sein, die nur auf gastronomischen Genuss schaut, aber das ist sie nicht: Sie bezieht politisch Stellung, während viele Gourmets nicht gern von Politik sprechen. Slow Food sagt: Wollt ihr gut essen? Dann muss man etwas dafür tun, dass die Landflucht aufhört, also die Landgebiete, Wälder, Berge und Wüsten nicht entvölkert werden, dass die Produzenten und nicht nur das Produkt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Es ist logisch, dass es immer Leute gibt, die zur Bewegung kommen auf der Suche nach einem guten Käse oder einem guten Wein, aber dann, nach und nach, geraten sie in Kontakt mit einer ganzen Reihe von Informationen, die mindestens ihre Neugier erregen, ihnen Zweifel einflößen, sie auffordern, zu bestimmten Gesten, die viele auf reinen Konsum beschränkt haben, eine menschlichere Haltung einzunehmen.

 

Woher kommt dein Interesse für Lebensmittel? Wie bist du auf die Idee gekommen, dein Buch Mal Comidos [Schlecht Ernährte] zu schreiben?

Mein Verhältnis zu Lebensmitteln kam immer über den Genuss beim Essen: Ich liebe das Essen und hasse es, schlechte, geschmacklose Dinge zu essen. Das deprimiert mich. Ich ertrage es nicht, dass die einzige verfügbare Ressource immer häufiger industrielle Sandwiches sind. Meine enge Bindung zum Essen kommt zweifellos aus der mütterlichen Linie: Meine Oma mütterlicherseits hat immer wunderbar gekocht und alle liebten sie dafür. Sie kochte einfache, aber außerordentliche Gerichte. So bin ich aufgewachsen mit dieser wichtigen Rolle des Essens. Und dann war ich immer gern in der Küche, schon im Grundschulalter, ich mag es, mir das Essen zuzubereiten, Neues zu entdecken. Meine Mutter ist eine sehr neugierige Frau: ungewöhnliche Gewürze, Rezepte mit ungewöhnlichen Zutaten, Gemüsesorten, Bioprodukten usw. Irgendwann konnte ich meine Leidenschaft zum Beruf machen. Ich bin Journalistin, ich gehe den Dingen gern auf den Grund, ich bin von Natur aus neugierig. Und die Lebensmittelproduktion ist der Knoten, an dem alle wichtigsten Probleme unserer Zeit zusammenkommen. Es ist ein fruchtbares Themengebiet, in dem man die Welt von jedem Standpunkt aus untersuchen kann: Biologie, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur, Geisteswissenschaften.

Was können wir von deinen nächsten Arbeiten erwarten? Auf welche Aspekte konzentrierst du dich jetzt?

Das nächste Buch wird eine Art Fortsetzung des vorigen. Mit Mal Comidos habe ich versucht zu erklären, wie das System der Lebensmittelproduktion in Argentinien funktioniert. Wie, wann und warum wir zu Produzenten von GVO-Soja für den Export geworden sind, einer Monokultur, der wir 60% unseres fruchtbaren Landes opfern. Was passiert dadurch mit dem Landleben, mit den Menschen, die auf dem Land leben und fast 400 Millionen Litern Agrochemikalien pro Jahr ausgesetzt sind… Diesmal beschäftige ich mich mit ganz Lateinamerika: Ich möchte den Wandel in den Blickpunkt stellen, der unseren Kontinent betrifft, und die laufenden Kämpfe zu seiner Verteidigung, wobei die Kinder in unserer Zeit im Mittelpunkt stehen. Ich glaube, sie sind die Hauptpersonen, die den Preis für das derzeitige Ernährungssystem bezahlen.

 

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