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Slow Fish - Good, Clean and Fair Fish
 
 

Manuel Mendoza

Das Meer ist für alle da und alle müssen sich darum kümmern

Mexico | Quintana Roo | Isla Mujeres

Manuel Mendoza ist Langustenfischer. Seit 1968 geht er dieser Tätigkeit in Quintana Roo nach, einem Biosphärenreservat im mexikanischen Sian Ka'an. Seine Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Gemeinschaft autonom organisieren und gänzlich ohne staatliche Hilfe auskommen kann.

 

«Als ich klein war, arbeiteten meine Großaltern in einem Leuchtturm. Sie sammelten Kokosnüsse und jagten Krokodile und Schildkröten zum Verzehr. In den 60er Jahren begann der Tauschhandel in Kuba zu blühen: wir Mexikaner aus der Gegend um Cancùn gaben den Kubanern Langusten, im Gegenzug erhielten wir von ihnen Kaffee und Kekse. So begann die Tradition des Langustenfangs.

 

Anfang der 60er Jahre gab es in unserer Gemeinschaft 120 Langustenfischer, heute sind wir nur noch 80. Grund für diesen Rückgang war der Hurrikan Gilberto, der 1988 die Küste verwüstete und Tausende Personen in die Flucht trieb. Sie ließen alles zurück, sogar ihre Schulden bei den Banken. Die mussten dann wir zurückzahlen, die letzten 40 Fischer der Gemeinschaft, die geblieben waren. Das alles war nicht einfach, wir bekamen von keiner Seite Unterstützung und brauchten sieben Jahre.

 

Nach und nach haben wir uns wieder aufgerappelt und versuchsweise begonnen, ganze lebendige Langusten zu vermarkten. Heute importieren wir nach Malaysia und Hong Kong. Obwohl uns weitere Wirbelstürme die Arbeit erschwert haben, konnten wir die Produktion konstant bei ca. 100 Tonnen pro Jahr halten.

 

Um dieses Produktionsziel zu erreichen, mussten wir einige Regeln aufstellen. In unserer Bucht arbeiten wir autonom und fischen nur mit unseren eigenen Utensilien. Langusten zu fangen ist wie Schmetterlinge zu sammeln - das Tier muss am Leben bleiben. Daher benutzen wir keine Netze und tauchen nicht einmal mit Sauerstoffflaschen, wir nutzen nur die Kraft unserer Lungen. Wir haben die Bucht auf eigene Initiative hin in 80 Rasterstücke eingeteilt, jeder ist für sein Stück verantwortlich und kümmert sich sorgfältig darum. Wenn jemand ohne Erlaubnis in meiner Zone arbeitet, kann er gemäß unseren Regeln aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

 

Wir arbeiten nicht mit der Regierung zusammen, sondern haben 1968 eine eigene Fischerkooperative gegründet, von der ich seit 25 Jahren der Vorsitzende bin.
Normalerweise sehen die Gesetze keine Begünstigungen für uns vor, wir erwarten daher gar nicht, dass sich die Behörden um uns und unser Gebiet kümmern. Das müssen wir selbst tun. Nur ich selbst kann mich um mein Stück Meer kümmern. Von Gesetzes wegen ist beispielsweise der Gebrauch von Fischernetzen erlaubt, während unsere Kooperative das nicht zulässt.

 

Im bin zum ersten Mal 2012 im Rahmen von Terra Madre zu Slow Fish gekommen. Die Kampagne gefällt mir gut. Theoretisch funktioniert sie auch, allerdings ist sie in der Realität schwer durchzusetzen, da jedes Land eine andere Kultur hat. Alle Länder haben ihre internen Konflikte, aber keiner denkt daran, erst mal die eigenen Konflikte zu lösen, bevor man sich mit denen der anderen beschäftigt. Die Veranstaltung war für mich sehr nützlich, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die so denken wie ich und Erfahrungen mit ihnen auszutauschen. Dabei musste ich leider feststellen, dass sie ganz ähnliche Probleme haben: das Meer ist für alle da, aber es ist verschmutzt. Es wird als riesiger Mülleimer benutzt! Im Reservat finde ich Abfälle aus der ganzen Welt. Von Land aus sieht man das nicht, aber vom Meer aus, das ist der große Unterschied.

 

Die Regierungen investieren insbesondere in Landwirtschaft, deren Wert leichter einzuschätzen und die leichter zu verwalten ist. In den Bereich Meer und Fischfang hingegen wird nicht investiert. Wir Fischer bekommen von keiner Seite Unterstützung. Alle Regierungen dieser Welt machen das Gleiche. Ich verstehe ja, dass die Landwirtschaft in der Krise ist, aber sie könnten doch wenigstens einen Bruchteil der Gelder in den Fischfang investieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Regierungen bei den einzelnen Gemeinschaften ansetzen müssen. Wenn die Regierung dann Infrastrukturen schaffen und Hilfsmittel zur Verfügung stellen würde, die die Gemeinschaft nicht nützt, dann wäre das etwas anderes. Die Regierung ist wie ein Vater und muss ihrer Bevölkerung all das bieten, was sie braucht, um stark und kräftig zu werden.

 

Ich bin der Meinung, dass wir unsere Sichtweise auf die Fischer und ihre Arbeit ändern müssen. Die Langusten beispielsweise sind nicht Eigentum der Behörden. Wir sichern dank der Langusten unser Überleben, daher muss ich mich um sie kümmern und sie aufziehen, als wären sie ein Kind von mir. Ich darf diese Ressource nicht einfach ausbeuten, sondern muss vernünftig damit umgehen. Die Regierungen wechseln von einem Tag zum anderen und jede denkt anders. Aber ich wohne weiter im gleichen Land auf dem gleichen Stück Erde und auch meine Kinder und Enkelkinder werden hier wohnen. Man muss auch an die Generationen denken, die nach uns kommen.

 

Wenn ich über diese Themen spreche und von den Ergebnissen unserer Kooperative erzähle, schauen mich die Leute komisch an, manche nennen mich sogar einen Lügner. Aber ich lade alle Zweifler ein, zu uns zu kommen und sich selbst von dem Gleichgewicht zu überzeugen, das wir mühevoll erreicht haben. Und nach und nach lernen wir auch, davon zu erzählen.»



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  Manuel Mendoza  
Slow Fish | Partners Lighthouse Foundation.Fondation Slow Food pour la Biodiversité
 
 
 

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