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Slow Fish - Good, Clean and Fair Fish
 

Neue Orientierung für die europäische Fischerei


08/02/13

Der 6. Februar 2013 bedeutete eine wichtige Zäsur für die europäische Fischerei: Das Europäische Parlament stimmte im Plenum ab und nahm mit einer erdrückenden Mehrheit (502 Ja- gegenüber 137 Nein-Stimmen) die Reformvorschläge für die Gemeinsame Fischereipolitik an. Zu den ehrgeizigsten Zielen gehört die Einführung von Fangquoten bis 2015, mit denen der höchstmögliche Dauerertrag* vor 2020 und die Beseitigung des Beifangs erreicht werden soll.
Der Text, der 2014 in Kraft treten soll, muss zwischen dem Parlament und dem Rat, der die EU-Staaten repräsentiert, noch weiter diskutiert werden.


Slow Food hat den Amtsweg mit Interesse verfolgt und nimmt heute mit Befriedigung zur Kenntnis, dass der Rat sich in Zukunft mit den Parlamentariern in einem Mitbestimmungsprozess auseinandersetzen muss, der an Transparenz gewinnt und eine größere Beteiligung der Zivilgesellschaft in der Debatte erlebt. Es ist zu erkennen, dass bei den Entscheidungen endlich auch ökologische und nicht nur ökonomische Kriterien berücksichtigt werden.

 

Die Reform basiert allerdings weiterhin auf einer industriellen Logik der Fischerei - deren negativste Aspekte sie zu neutralisieren versucht - und benachteiligt damit den handwerklichen Fischfang immer noch schwer (80% der europäischen Fischereiflotte mit geringeren ökologischen Folgen). Um wirksam zu sein, sollte sie daher durch eine ebenso ehrgeizige „Gemeinsame Umweltpolitik" begleitet werden.

 

Silvio Greco, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Ausschusses von Slow Fish - der Kampagne für nachhaltige Fischerei, die Slow Food seit Jahren führt - begrüßt es, dass die Europäische Union die Notwendigkeit eingesehen hat, entschlossen zum Schutz der Fischbestände zu einzutreten und Maßnahmen einzuführen, die auf selektiven Fangtechniken basieren, um der Überfischung entgegenzutreten. Er betont, dass weitere geeignete Maßnahmen gegen die Verschmutzung der Küstengebiete notwendig sind, denn diese ist einer der Gründe, die die Fischbestände negativ belasten.

 

Weiterhin muss die neue Politik regionale Besonderheiten berücksichtigen, und Slow Food erhofft sich von der Maßnahme zur Festlegung langfristiger Bewirtschaftungspläne für jede Fischereiflotte in Form von Mitbestimmungsverfahren, das sie tatsächlich alle Beteiligten eines Gebiets einzubeziehen vermag. Dadurch ließe sich eventuell vermeiden, dass die Anwendung einiger Regeln letztendlich die handwerkliche Fischerei weiter schädigt oder illegale Tätigkeiten steigert.

 

So erklären zum Beispiel Barbara und Jan Rodenburg-Geertsema, Fischer des Slow Food Presidios handwerkliche Fischerei in der niederländischen Waddenzee: «Wir wollen keine Sonderbedingungen, sondern nur gerechte Gesetze, die es uns ermöglichen, unsere Tätigkeit legal und einträglich fortzusetzen. So wie es im Moment aussieht, könnten wir außen vor bleiben, denn die Gesetzgebung ist spezifisch für die große Industriefischerei konzipiert, und Kleinfischer wie wir können eine solche Regelung nicht erfüllen. De fakto genießen nicht wir, sondern die Großfischer eine Vorzugsbehandlung. Nehmen wir zum Beispiel die europäische Norm von 2009, die die Fischer verpflichtet, ihren Fang vor jeder anderen Tätigkeit für den Verkauf, die Lagerung oder den Transport zu wiegen. Das Fischereiministerium in Holland will das Gesetz genau so übernehmen, aber das bedeutet konkret für Hunderte handwerkliche Kleinfischer, die in den Niederlanden noch überleben, ihre Schließung, denn auf unseren Schiffen ist nicht genug Platz und wir haben auch die wirtschaftlichen Mittel für die gesetzlich vorgeschriebenen Waagen nicht.»

 

Was den Beifang und den Rückwurf betrifft, nimmt Slow Food mit Enttäuschung zur Kenntnis, dass die Reform nicht die Notwendigkeit vertritt, die Fangtechniken zu perfektionieren, um sie selektiver zu gestalten und das Problem in Zukunft zu vermeiden, sondern statt dessen beschloss, die Anlandung des gesamten Fangs zur Pflicht zu machen und die Einführung des Überschusses auf den Lebensmittelmarkt für den menschlichen Konsum zu verbieten. Einerseits wird diese Biomasse damit jedenfalls einer marinen Nahrungskette entzogen, die schon so schwer belastet ist, andererseits wird sie damit wahrscheinlich für die Produktion von Fischmehl als Tierfutter verwendet (obwohl es sich um vollkommen essbaren Fisch handelt, bei Überschuss durch Überschreiten der zulässigen Fangmenge sogar um wertvolle Arten) oder in die Entwicklungsländer umgeleitet, was den lokalen Märkten dort schadet.

 

Slow Food bedauert außerdem, dass der Text die Aquakultur in großem Maßstab fördert, denn er präsentiert sie als mögliche Lösung für die Verarmung der Fischbestände, während diese Industrie tatsächlich zum derzeitigen Stand der Dinge nicht nur mehr Fisch verbraucht, als sie erzeugt, sondern sehr häufig eine starke Belastung für die bestehenden Ökosysteme darstellt.

 

Zum Thema Meeresschutzgebiete ist Slow Food der Überzeugung, dass die Einführung von Bereichen, die mit den lokalen Fischern zusammen bewirtschaftet werden, gegenüber einem völligen Fangverbot vorzuziehen ist. Solche Meeresgebiete müssen dann vor jeder anderen Form der Nutzung - Rohstoffabbau, Tourismus, Militär usw. - geschützt werden.

 

Slow Food ist weiterhin der Ansicht, dass die Lösungen aus der Praxis und aus dem Dialog zwischen den verschiedenen Betroffenen (auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene) hervorgehen sollten. Auch deshalb arbeitet der Verein in verschiedenen Ländern an Presidi Projekten für „Fischereiwächter", um die Valorisierung von lokalen Ressourcen und eine kollektive, verantwortliche Bewirtschaftung dieser Ressourcen zu fördern.


* Der höchstmögliche Dauerertrag ist das maximale Volumen an Biomasse, das man mittel- und langfristig aus einem Fischbestand unter den gegebenen Umweltbedingungen entnehmen kann, ohne den Reproduktionsprozess zu beeinträchtigen.

 



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