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Slow Fish - Good, Clean and Fair Fish
 

Fangsaison in Istanbul


04/06/12

Während der letzten beiden Jahre hat das Istanbuler Convivium Fikir Sahibi Damaklar verstärkt auf die Problematiken bezüglich der Ressourcen des Bosporus, des Schwarzen Meeres und des Marmarameeres aufmerksam gemacht. Es folgt der Abschlussbericht des Conviviums zur Fischereisaison 2011-2012.

 

Obwohl es noch kein eigenes Ministerium für die Verwaltung der türkischen Fischbestände, Seen, Flüsse und Meere gibt und bislang keine gemeinsame Politik verfolgt wird, ist das Slow Food Convivium Fikir Sahibi Damaklar dennoch der Meinung, dass die Gründung der Generaldirektion für Fischerei und Aquakultur im Juni 2011 eine bedeutende Entwicklung darstellt.

 

Die Generaldirektion hat sich im ersten Saisonhalbjahr der Optimierung ihrer Organisationsstruktur gewidmet und bereitet sich im Moment auf eine Konferenz vor, die noch im Jahr 2012 stattfinden wird. Bei diesem Treffen sollen gemeinsam mit Fischerei-NGOs die Bestimmungen des Gesetzes Nr. 1380 bezüglich dem „Handel von Fischereiprodukten und Fischerei" diskutiert werden, was das Slow Food Convivium Fikir Sahibi Damaklar für eine vielversprechende Gelegenheit hält.

 

Die Hauptursache für den zunehmenden Ressourcenmangel ist die Überfischung. Doch es scheint, als solle die Anzahl der Fangflotten reduziert werden: 200 Boote werden im Jahr 2012 freiwillig - mit Unterstützung der Regierung - die Fischereiflotten verlassen und in den nächsten drei Jahren soll die Gesamtanzahl an Fangflotten um 35 % reduziert werden. Das stärkt unsere Hoffnung auf die Einführung einer neuen Meeres-, Fisch- und Fischereipolitik.

 

Im August 2011 hat das Ministerium eine Gesetzesänderung zu Gunsten der Erhöhung der Blaubarsch-Mindestgröße von 14 cm auf 20 cm angekündigt. Das ist ein beachtlicher Fortschritt, auch wenn die eigentliche Forderung von Fikir Sahibi Damaklar einer Erhöhung auf 24 cm damit nicht ganz erfüllt wird. Das Convivium hat unter dem Titel „Save the Sultan of Fish" - „Rettet den Sultan aller Fische" - eine erfolgreiche Kampagne gestartet, bei der Verbraucher dazu aufgefordert wurden, keine „Lüfer" - so der türkische Name für Blaubarsche - mehr zu kaufen, die kleiner als 24 cm sind. Als Teil der Kampagne wurde das „Lüfer Feast" ins Leben gerufen, ein jährliches Festival, das am dritten Samstag im Oktober in Istanbul stattfindet.

 

Diese Feierlichkeit wird das öffentliche Bewusstsein schärfen, zu einem besseren Verständnis von Meer, Fischen und Fischern beitragen und für die Notwendigkeit von Naturschutz sensibilisieren. Die diesjährige Eröffnung der Feierlichkeiten durch den türkischen Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Tierhaltung, Mehdi Eker, war ein mehr als positives Zeichen, weshalb das Convivium auf eine langanhaltende Unterstützung von Seiten des Ministers hofft.

 

Trotz dieser guten Neuigkeiten werden an den Marktständen noch immer viele Fische angeboten, die die Mindestlänge unterschreiten. Und mehr noch: In Istanbul demonstrierten im vergangenen November Fischer, die mit Keschernetzen arbeiten, gegen die Änderung der zulässigen Fischgröße. Und sie haben tatsächlich gute Gründe für Ihren Protest, denn aufgrund der nicht nachhaltigen Politik seit den 1980er-Jahren, die ganz im Zeichen von Wachstum und Leistungssteigerung stand, sind die Istanbuler Fischer nun in einer Sackgasse angekommen.

 

Laut der türkischen Organisation für maritimen Umweltschutz TURMEPA wurden mittlerweile 143 Spezies des Marmarameeres ausgerottet. In den letzten 40 Jahren hat die Überfischung zu einem gravierenden Rückgang der Fischbestände geführt: Rote Meerbarbe (-73%), Meerbrasse (-48 %), Pelamide (-90%), Makrelen (-95 %) und Blaubarsche (-58 %). Auch die Bestände vieler anderer Fischarten, einschließlich Lippfisch, Red Snapper, Thunfisch, Umber, Zahnbrasse und Drachenkopf, sind im Schwarzen Meer und dem Marmarameer deutlich zurückgegangen.

 

Wegen der geänderten Grenzwerte für den Fang von Blaubarsch, einem der profitabelsten Fische in den besagten Meeren, war 2011-2012 eine schlechte Saison für Istanbuler Fischer. Wie schon in den letzten fünf Jahren haben die türkischen Fischer auch dieses Jahr mit roten Zahlen begonnen. Die optimistischsten Schätzungen sprechen von einem Schuldenberg von 70-80 Millionen TL, dessen größter Anteil von zwischengeschalteten Großhändlern und nicht von Banken getragen wird. Es ist daher naheliegend, dass man trotz Verbot und strengerer Kontrollen immer noch zu kleine Blaubarsche auf den Märkten findet. Schuld daran ist die finanzielle Krise, in der die Fischer stecken. Das Convivium geht davon aus, dass die Fischer die Tilgung ihrer Schulden als unmögliches Unterfangen betrachten. Viele Fischer, die bei Zwischenhändlern der Istanbul Yenikap Seafood Market Hall Schulden gemacht haben, gehen daher bei illegalen Fischfangaktionen enorme Risiken ein, um ihre Schulden zu begleichen. Ob ihnen das bis Saisonende gelingen wird, ist jedoch mehr als fraglich.

 

Trotz den Protesten der Fischer im November ist es sehr wichtig, dass das Ministerium seinen Entschluss nicht rückgängig macht und an der Entscheidung zum Thema Blaubarsche festhält. Allerdings kann die Nachhaltigkeit des Meeres nicht erhalten werden, ohne gleichzeitig die Lebensgrundlage für unsere Fischer zu erhalten. Wir können nicht erwarten, dass sie unter solch einem finanziellen Druck die Gesetze einhalten.

 

Das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Tierhaltung sowie das Istanbuler Amt für Fischerei und Maritime Angelegenheiten haben die Pflicht, den Fischern faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, um so auch die Nachhaltigkeit der Meeresressourcen unseres Landes zu sichern.

 

In diesem Zusammenhang stellt das Convivium folgende Forderungen an die lokalen Behörden:

 

- Um die Fischer Istanbuls vom Schuldendruck gegenüber den Zwischenhändlern zu befreien, sollte die Stadtverwaltung von Istanbul umgehend damit beginnen, die Fischer dabei zu unterstützen, ihren Fang auf strukturierte Weise über Kooperativen zu vertreiben..

 

- Jeder Fisch, der auf einem Markt in Istanbul verkauft wird, sollte ein Etikett mit der gesetzlich zulässigen Mindestgröße aufweisen, damit die örtliche Polizei überprüfen kann, ob die Ware in der Auslage die vorgeschriebenen Größenanforderungen erfüllt.

 

- Damit auch die Istanbuler Bürger selbst durch Kontrollen aktiv werden können, sollte eine entsprechende Hotline eingerichtet werden, über welche sie direkt die zuständige Polizeidienststelle informieren können.


- Um das Marmarameer als maritimen Lebensraum aufzuwerten, sollte die Leistung und Funktionsweise der in Istanbul aktiven Abwasserbehandlungsanlagen überprüft und deren Anzahl gesteigert werden.

 

Unsere Erwartungen an das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Tierhaltung sind die folgenden:

 

  • Das Gesetz Nr. 1380 über Fischereiprodukte sollte von Wissenschaftlern, Politikern und Fischerei-NGOs gleichermaßen bewertet und überarbeitet werden, und zwar in Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Verbraucherorganisationen, die vor allem an ökologischer Nachhaltigkeit interessiert sind:

- Es sollten umsichtige Mindestfanggrößen festgelegt werden.
- Die Fischereiflotten sollten verkleinert werden.
- Die Fangvorrichtungen sollten im Hinblick auf Nachhaltigkeitskriterien ausgewählt werden.
- Es sollten mehr Fangverbote erlassen werden, um besseren Schutz zu gewährleisten.
- Strafen
- Strafen sollten abschreckend wirken, damit die Kontrollen ihren Zweck erfüllen.
- Schutzgebiete sollten ausgewiesen und vergrößert werden.

 

  • Die Bedeutung des Schwarzen Meeres und der Unterwasserwiesen an der Mündung von Meereszuflüssen, die das Ziel vieler Wanderfische sind, sollte gewürdigt werden. Die Verteilung der künftigen hydroelektrischen Anlagen in diesen Gebieten ist nach einer entsprechenden Bewertung sorgfältig zu planen.
  • Die Saison für den Einsatz stationärer Fangvorrichtungen sollte der allgemeinen Fangsaison entsprechen. Das Fangverbot sollte dasselbe sein, damit eine Regeneration der Fischbestände während der Fortpflanzungszeit garantiert werden kann.
  • Das Ministerium sollte Fischer und Fischzüchter nicht länger als gleichgestellte Akteure der Branche behandeln.
  • Der Umgang mit Meeresprodukten sollte im Zeichen von Nachhaltigkeit stehen, anstatt lediglich als Wachstums-und Entwicklungsfaktor zu dienen. Das bedeutet: Die traditionelle Fischerei sollte unterstützt und Ressourcen geschützt werden. Außerdem sollte man alles Notwendige dafür tun, die Selbstregeneration von Fischbeständen zu begünstigen, anstatt nur die großen Fischindustrien zu unterstützen und Fangleistungen und -techniken auszubauen.

 

Slow Food Fikir Sahibi Damaklar

 

 



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